Als Sie den Ausstellungstitel "Pin-ups und mehr…!" gelesen haben, konnten Sie sich vielleicht einiger lüsterner Gedanken nicht erwehren. Eine fast natürliche Reaktion, denn dieser Begriff ist ja schon seit Ewigkeiten "sexy" besetzt. Er assoziiert bildgewordene Soldatenträume in engen Spinden, in denen hübsche Mädchen - mehr oder weniger bekleidet - dem einsamen Betrachter entgegen lächeln.
Wenn Sie das nun in dieser Ausstellung erwartet haben, tja, dann sind Sie entweder enttäuscht - oder erleichtert. Und das ist gut so, denn dann haben Sie den Blick frei für die zum Teil humoristisch-karrikierenden digitalen Fotografien von Sandra Wickel.
Wenn sich üblicherweise diät-gestresste, pseudoerotische Frauen beim Tabledance abmühen, dann präsentieren sich die Personen dieser Künstlerin - trotz erheblicher Leibesfülle - in einer Selbstverständlichkeit, in einer eigenen Grazie ohne peinlich zu berühren. Nur ein Beispiel, das dokumentieren soll, wie diese Künstlerin es versteht, so genannte Minderheiten, Grenzgänger oder Sonderlinge - ohne Häme ins rechte Licht zu rücken.
Das kommt nicht von ungefähr! Sandra Wickel spricht diese Menschen an, überzeugt sie, dass ihr Fotografieren kein zur Schau stellen bedeutet, kein Ausbeuten des angeblich Unvorteilhaften… Ansonsten könnten diese Bilder auch nicht entstehen! Vorstellungen von vermeintlichen Körperidealen sind hier fehl am Platz: davon scheint auch die voluminöse Fleischerin lächelnd überzeugt zu sein, die sich ausgerechnet neben einer Schweinehälfte platzieren durfte. Zusätzliche Pointe: auf ihrem T-Shirt steht deutlich "Vegetarian".
Verstärkte Farbintensität, strukturelle Gliederungen wie Spiegelungen durch digitale Praktiken steigern je nach Vorstellung dieser Künstlerin die Interpretation oder sie lassen ab und zu auch mal den ersten Blick ins Leere laufen. Doch eigentlich sind wir stets aufgefordert, unserer Fantasie zwanglos Raum zu geben, gerade wenn diese Künstlerin mit Gegensätzen arbeitet. Denken Sie an die Einladungskarte: Da steht ein hübsches Zimmermädchen verträumt, und melancholisch im ungemachten Raum. Im zweiten Bildteil darunter schwebt eine wahrlich korpulente Dame von zarten Wolken begleitet frei in himmlische Weiten. Wunsch, Traum oder realisiertes Lebensglück? Oder einfach nur ein Spiel, in dem sich die unterschiedlichen Realitäten zu treffen scheinen?
Aber es gibt auch noch eine andere Sandra Wickel: Immer dann, wenn sie ihren Focus auf das so genannte Alltägliche lenkt und in ihm das Übersehene, Besondere entbirgt. Da sitzt beispielsweise der alte Manuel zufrieden, losgelöst in seinem Unterhemd auf der Bank und scheint die verschiedensten Stationen seines Lebens vorbei ziehen zu lassen. Zwei übereinander gelagerte, digital bearbeitete Fotografien gehen eine kontemplative Symbiose ein, erwecken den Eindruck, als sei Manuel mit sich im inneren Gespräch… (Manuel out of speed.)
Bisweilen streut Sandra Wickel kleine Ironismen in ihre Kompositionen. So, wenn vor einem Sport-Club-Café eine ganze Reihe alter Menschen sitzt, die bestimmt nichts mehr mit körperlicher Ertüchtigung zu tun haben. Doch sie werden, sie sind nicht ausgegrenzt. Denn wie lautet der Titel? "Zusammen ist man weniger allein"... Anrührend ohne falsche Sentimentalität! - In beinahe allen Szenerien, die diese Künstlerin Ihnen vorstellt, spielt sie, laviert sie gekonnt mit einem Sowohl-als-auch der Stimmungen, der möglichen Interpretationen. Auch in den "Dickitalen Strandimpressionen" (man beachte, dass "digital" hier mit "ck" geschrieben wird), werden eindimensionale Urlaubspraktiken zu grell verfremdeten Versteinerungen. Besser lässt sich ein geistiger, kommunikationsloser Stillstand kaum in Szene setzen: Fast ein wenig bösartig, aber köstlich überspitzt karikiert!
Doch stets bleibt bei Sandra Wickel ein gewisses Mitfühlen, Miterleben gegenwärtig, wenn sie das Menschlich-Allzumenschliche von seiner scheinbaren Belanglosigkeit befreit. Wenn Sie - mit einem gewissen Schmunzeln und Augenzwinkern wie eine verständnisvolle, wohlwollende Dirigentin ihr digitales Orchester stets aufs Neue abzustimmen weiß.
Und fast überall findet man eine kleine Portion Lebensweisheit, über die es sich nachzudenken lohnt - am Besten zu Hause in aller Ruhe vor dem eigenen Exponat.