Stefan Engel: Nr. 2/3 aus "Begegnungen", 2004, Mischtechniken und Blattgold/Leinwand, 30 x 30 cm
Einführung von Dr. Matthias Brück
Auch die Wirklichkeit ist längst nicht mehr das, was sie einmal war. Sie ist zur so genannten Wirklichkeit geworden, auch wenn wir fast ständig noch so tun, als gäbe es eine für alle verbindliche Realität. Und so wundert es nicht, wenn sich Stefan Engel gewissermaßen einer umgekehrten, modernen Archäologie bedient, die, ausgehend von den unterschiedlichen Blot-Techniken, Verfahren in der Molekularbiologie zum Transfer von DNA RNA oder Proteinen auf eine Membran angewendet wird.
Zumeist wird ein Motiv mit dem Computer vorbereitet und dann nass in nass Öl auf die Leinwand gebracht. Danach die Bildfolie mit einem Besen mit wässerigen Farblösungen gekehrt, so dass ein dynamisches Moment wie Regentropfen auf einer Windschutzscheibe oder ein Verwischen (wie bei Langzeiteinstellungen) das Motiv in den Hintergrund drängt.
Wenn Sie nun denken, das sei kompliziert, dann haben Sie Recht. Denn - Originalton Stefan Engel: Wenn schließlich die ersten Farbschichten getrocknet sind, werden Streifen abgedeckt, abgeklebt und die Blots eingetragen - zumeist im rechten Winkel zur ersten Verwischung vertrieben. Das Verwischen passiert bei echten Elektrophorese-Bildern durch das Wandern elektrisch geladener Teilchen durch ein Gel.
Um nun diese nun noch stärker von den vorherigen Folien abzuheben - und dadurch die Unterschiede zwischen zwei Betrachtungsdistanzen zu verdeutlichen - werden für die Blot-Balken meistens Pigmente mit ganz wenig Harz gebunden. Dadurch bleibt das Pigment mehlig und sitzt sehr matt auf der Bildfolie. Gelegentlich habe ich auch mit Hervorhebungen besonders markierter Bereiche, z. B. mit Blattgold gearbeitet. Sie kennen das bereits von der Einladung her.
So schiebt sich Schicht über Schicht, verdeckt das Bekannte, könnte es in Frage stellen beziehungsweise relativieren, um sogleich durch die verschiedenen Blots - auf gut Deutsch Fleck oder Klecks - eine neue, bislang unbekannte Ebene einzuführen. Was bisher vielleicht allzu wissenschaftlich-experimentell geklungen hat, wendet sich jetzt auch zum Menschlich-Existentiellen. Gerade in der Serie "Kuss" scheinen die künstlich erzeugten Blot-Balken sich des intimen Geschehens zu bemächtigen, es zu verdecken, um ihm so seine Wertigkeit, seine Authentizität zu nehmen.
Oder löschen diese Aktionen sogar die jeweilige Individualität wie es bei den "Drei Ekstasen" möglich zu sein scheint? Und wie steht es mit der gewaltigen "Welle", an deren unterem Bildrand der Künstler ein Holzbündel wie Strandgut platziert hat? Hier verlässt Stefan Engel die bislang dominierende Blot-Konstruktion und setzt eine symbolische Frage nach dem Woher und Wohin.
Gerade eben hat er doch noch gewissermaßen - wie in einem Spiel - dem Betrachter die eindeutige Wahrnehmung verweigert, indem er den Betrachter wahrnehmen und doch nicht wahrnehmen ließ… und jetzt scheint das alles relativiert zu werden? Natürlich nicht!
Denn, wie bei den Blot-Exponaten stellt Stefan Engel in "Architangente", "Deport" oder "Metatexis" ja auch kein gesichertes Sehen und Erkennen vor, eher das Credo, überhaupt nicht mehr erkennen zu können. Leicht ironisch sollte man ja den Betrachter dieser Werke mit dem Schicksal eines Bernhardiners vergleichen, von den Joachim Ringelnatz einmal traurig feststellte: "Bernhardiner ist das Letzte, was ich sein möchte. Dauernd die Flasche am Hals und niemals trinken dürfen".
Scherz beiseite - wenn dieser Künstler Schichtungen über Schichtungen installiert, dann reflektiert er auch durchaus nicht nur das Schwinden von exaktem Wahrnehmen, das mögliche Austauschen. Vielmehr - und da wird er höchst gegenwärtig und aktuell - stellt er direkt-indirekt die Frage nach der Manipulation von erkennendem Wahrnehmen: wie lange wird es noch dauern, bis wir alle das Gleiche sehen als eine Folge von bewusster wie unbewusster Indoktrination?
Man glaubt am Ende nur noch den technologisch erzeugten Wahrnehmungen und zweifelt immer mehr an dem Gehalt der eigenen Sinne, denn der Reiz des vorgeblich Eindeutigen, des ästhetisch Faszinierenden verführt und verführt.
Auch bei den skulpturalen Keramiken wie "Skartitektur", den getrennten Computer-Anschlüssen oder der ironischen "Archeolochie" bleibt das Moment des Mehrdeutigen erhalten, steigert sich zu einer teilweise vergnüglichen Rätselhaftigkeit, je nach dem, ob man von Innen nach Außen oder umgekehrt sieht und denkt. Und zumeist bleibt dieser Prozess auch hier spannend, offen - und ungelöst.
Ein Grund mehr, um sich zu Hause in aller Ruhe mit einem Exponat Ihrer Wahl auseinander zu setzen! Fast alles können Sie käuflich erwerben…