Ute Krautkremer: "In-Between"
Skulpturen, Reliefs mit Papier
31.08.07 bis 07.10.07
Ute Krautkremer: "Öffnungen"
"Vielleicht gibt es keinen wesentlichen Unterschied zwischen gegenständlichen und ungegenständlichen Bildern. (...) Beides sind Bilder d.h., egal was sie darstellen, sie tun es mit den gleichen Methoden: sie scheinen, sie sind nicht das Dargestellte, sondern der Anschein davon." (Gerhard Richter)
In meiner künstlerischen Arbeit bewege ich mich zwischen eben diesen zwei Polen, dem Gegenständlichen und dem Ungegenständlichen, der konkreten Figur und der abstrakten Form. Beides hat für mich gleichermaßen Bedeutung und Berechtigung. Aber nicht das reale Abbild steht im Vordergrund, sondern der Versuch, durch die Verbindung von Abbildhaftem und Abstraktion Assoziationen zu dem bereits Vorhandenen zu wecken und in neue Zusammenhänge zu stellen. Ein wesentlicher Gesichtspunkt meiner Arbeiten ist es, die Dinge außerhalb ihrer gewohnten Erfahrung zu sehen und damit die eigene Wahrnehmung zu sensibilisieren. Bezeichnend für meine Arbeitsweise ist der für mich notwendige Wechsel zwischen spielerischer Auseinandersetzung mit dem zufällig Gegebenen und absichtsvoller Arbeit an einem bestimmten, nur so gearteten Formgefüge.
Keramische Arbeiten
Von Beginn an waren keramische Massen mein bevorzugtes Arbeitsmaterial. Nicht, weil mich eine damit verbundene Symbolik oder Philosophie interessierte, die materiellen Eigenschaften des Tons boten mir die beste Möglichkeit, direkt und unmittelbar meinen Ideen eine Form zu geben.
Ausgangspunkt für meine plastischen Arbeiten war die Auseinandersetzung mit der menschlichen Figur, die ich im Laufe der Zeit immer weiter vereinfacht oder verfremdet habe. Die daraus resultierenden Formen konnten am Ende mit der menschlichen Figur nicht mehr in Zusammenhang gebracht werden. Es entstanden eigenständige Gebilde mit organischen und architektonischen Anmutungen. Dabei hat mich lange Zeit besonders die Oberflächengestaltung der Objekte, ihre plastische und zeichnerische Ausarbeitung, das Spiel mit zufällig entstandenen Formen und Strukturen gereizt.
Dieses Interesse veränderte sich dahingehend, dass die Klarheit der Form in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung rückte, erzählerische Momente wurden ausgespart, die Formen noch weiter abstrahiert zu relativ glatten, flächig bemalten Objekten, 2001 entstand die Serie "Offene Formen". Eigentlich sind diese "offenen Formen" nur an einer Stelle ihrer Kontur geöffnet, sonst sind sie rundum geschlossen, umschließen - bedingt durch die Eigenschaften als keramische Plastik - einen nicht sichtbaren Raum. Diesen Raum jedoch wollte ich zugänglich machen. Das hatte zur Folge, dass ich mein bis dahin bevorzugtes Arbeitsmaterial Ton zugunsten von Papier zurückstellte.
Skulpturen mit Papier
Papier deshalb, weil es durch seine Unmittelbarkeit und Leichtigkeit besticht. Ich kann die Plastiken in jede Position bringen und an der Wand oder anderen Trägern installieren. Die Abgusstechnik ermöglicht die serielle Anfertigung von Formfragmenten, die zusammengesetzt immer neue Form- und Sinnzusammenhänge ergeben Die Verflechtung von Innen und Außen ist zum zentralen Thema meiner plastischen Arbeit mit Papier geworden. Die Papierformen bleiben immer offen, Innen und Außen können sich durchdringen, der umgebende Raum, die Wand wird Teil der Plastik. Anstatt kompakter, geschlossener Formen täuschen sie Volumen nur vor, entlarven sich selbst als lediglich formumschließende "Hüllen", die den umgebenden Raum als Negativ-Form sichtbar machen. So kann der Eindruck von Leichtigkeit entstehen, Momente des Schwebens können suggeriert werden.
Reliefkästen aus Holz und Papier
Die Reliefkästen aus Holz und Papier greifen plastische Formfragmente aus Papier als Negativform auf. Gemalte Formen verzahnen sich in der Fläche miteinander. Die plastischen Formen ergänzen und verstärken den Wechsel zwischen Figur und Grund. Das Zweidimensionale bewegt sich hinein in den Raum, sowohl durch die Form als auch durch die Farbgebung. Die Fläche selbst beginnt Raum greifend zu wirken. Das Betrachten der Wandobjekte erfordert einen umherschweifenden Blick, einen Blick, der aus verschiedenen Perspektiven wahrnimmt. Die Arbeiten sollen auffordern, umher zu gehen und sie von allen Seiten zu betrachten. Als perspektivisch gelenkte und farblich durch Licht und Schatten geprägte Bildwelten dokumentieren sie unterschiedliche Momente der Raumerfahrung.
Drahtbilder
Die "Drahtzeichnungen" zeigen lineare Entsprechungen zu dieser Thematik. Draht und Schatten führen gezeichnete und gedachte Linien weiter und geben der Zeichnung Raum. Gleichzeitig führen sie ein Eigenleben, das die Oberfläche der Zeichnung beherrscht. Mehr als bei den Flächenzeichnungen auf glattem Untergrund sind hier Strukturierungen als bewusst gesetzte und zufällige Spuren wichtig. Der spielerische Umgang mit dem Material und seinen Spuren ebnet den Weg ins Chaos. Es reizt mich besonders, den Zufall zu zwingen, also ein Spannungsgefüge zwischen (chaotischen) Strukturen und bewusster Ordnung aufzubauen. Die Arbeiten erschließen sich dem Betrachter durch die Veränderung seiner Position. Absicht ist, eine vom Gefühl ausgelöste assoziative Betrachtung zu ermöglichen, die logisch weitergedacht werden kann.
Köpfe und Büsten
Die Beschäftigung mit dem menschlichen Kopf, dem menschlichen Gesicht als Möglichkeit Zugang zu Gedanken und Gefühlen zu finden und zu schaffen, ist immer ein Thema meiner künstlerischen Arbeit gewesen. Seit meiner Examensarbeit im Fach Plastik zum Thema "Menschliche Kommunikation" befasse ich mich immer wieder - mit Abständen - mit den vielfältigen Darstellungsmöglichkeiten des menschlichen Gesichtes. Zu Beginn auch hier mit dem Material Ton. Später kamen die Materialien Bronze, Aluminium und Papier hinzu.
Ebenso wie bei der Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper lässt sich eine entsprechende Entwicklung vom Erzählerischen zur abstrahierten Figur ablesen. Die serielle Vervielfältigung der Büsten, bietet mir zusätzlich die Möglichkeit, "Beziehung" zueinander, bzw. zum Raum zu thematisieren. Die jeweilige Form der Einzelfigur erzwingt eine bestimmte Anordnung der Figuren zueinander. Sie bestimmt auch den Ort ihres Aufbaus. Es ergibt sich eine neue, eine "Metaform", ein Raumgefüge. Die konkreten Figuren werden um ein abstraktes Moment bereichert und so, allzu offenkundige Interpretationen vertmieden. Die Veränderung der Wiederholung durch unterschiedliche Farben und Glanznuancen entlarvt die scheinbare Austauschbarkeit der Einzelfigur. Nur in der Serie kann sich der Ausdruck der Einzelfigur vollständig entwickeln.
Portrait
Angeregt durch eine Ausschreibung der GEDOK begann ich 2005 eine Reihe von Reliefkästen zum Thema Portrait zu entwickeln. Analog zur meiner Arbeit mit abstrakten Negativ-Formen setze ich hier den Negativ-Abdruck eines Gesichts ein. Ich nähere mich der Person über die Abformung ihres Gesichts (im direkten Hautkontakt, nichts liegt zwischen Form und Gesicht) also sehr konkret. Der Abdruck des Gesichts wird als Papierform negativ eingefügt in einen abstrakten Form- und Flächenzusammenhang. Negativ deshalb, weil nur diese Seite in Berührung mit dem Gesicht stand und es entsprechend unverfälscht zeigt, andererseits aber auch als abstraktes Formgebilde betrachtet werden kann. Verändert wird die Gesichtsabformung durch Anschnitt und Material- bzw. Farbanmutung und erst durch seine Position im abstrakten Bildzusammenhang entsteht das tatsächliche "Portrait". Bei der Betrachtung (aus einem gewissen Abstand) kippt die Negativform und wird als positive Form, als "Abbild" des tatsächlichen Gesichtes wahrgenommen. Durch die Plastizität der Abformung verzerrt sich das Gesicht nicht, ist gewissermaßen immer "richtig". Auch hier ist es meine Absicht, abstrakte und konkrete Inhalte zu einer Gesamtheit zu bringen, um damit Gewusstes und Bekanntes zu assoziieren und gleichzeitig zu irritieren.
Besprechung von Gabriele Weingartner, Die Rheinpfalz vom 04.09.07
Hinter der Maske - Assoziationen wecken: Ute Krautkremer in Wörth
Ute Krautkremer, deren Arbeiten in der Galerie Altes Rathaus in Wörth zu sehen sind, beruft sich auf den großen Gerhard Richter. Es gebe keinen wesentlichen Unterschied zwischen gegenständlichen und ungegenständlichen Bildern, zitiert sie ihn in einem Text zur Eigen-Interpretation im Internet (www.kunstportal-pfalz.de). Genau so will auch Krautkremer ihr Schaffen sehen: Nicht das reale Abbild stehe im Vordergrund, sondern der Versuch, durch die Verbindung von Abbildhaftem und Abstraktion Assoziationen zu Vorhandenem zu wecken.
Das klingt dann doch - auch sprachlich - abstrakter, als sich die Schau erweist. In der Tat nämlich geschieht dem Betrachter genau das, was die 1958 in Koblenz geborene und an der Uni Mainz ausgebildete Künstlerin ihm verheißen hat: Ihre Skulpturen und Reliefs mit Papier erwecken Assoziationen, deren Details man nicht genau benennen kann. Vielleicht ist das ja die gemeinte Abstraktion: eine gewisse Hilflosigkeit beim Schauen.
Geerdete Flugobjekte
In dem Moment aber, wenn man den krampfhaften Deutungswillen aufgibt und nur noch staunt über Krautkremers gestalterische Fantasie und ihren taktisch ausgeklügelten Formwillen, kann man auch frei "bekennen", woran ihre Arbeiten erinnern: An ungekannte Flugobjekte etwa, deren besondere Erdung nicht zuletzt aus ihren fluguntauglichen Formaten herrühren (Serie "Schweben weit"), an sich plötzlich selbstständig machenden Zeichnungen, aus denen sich eine einzige Linie aus einem Gewirr von vielen anderen Linien erhebt und der "Kugel", dem "Nest" Plastizität verleiht (Serie "Drahtbilder"). Befreite Linien, die sich in widerspenstige Drähte verwandeln und trotzdem im Zusammenhang des "Dargestellten" bleiben, ja ihm mit gefälligem Schattenwurf dienen: wo hat man so etwas schon gesehen!
Am interessantesten in der Ausstellung sind zweifellos die Reliefkästen zum Thema Porträt. Negativ-Formen von Gesichtern bieten dort eine eigenwillige Innen-Schau in die menschliche Physiognomie. Gewinnt man absichtsvoll größeren Abstand, wird aus der Negativ- eine Positivform, füllen sich die "blinden Flecken" - Nasen, Wangen, Stirn - sozusagen mit Leben. Am schönsten aber ist es, wenn man den Betrachtungszustand im Changierenden belässt, hin und her wippt also. Dann kann man sich einerseits einbilden, hinter die Maske eines Gesichtes zu schauen, wobei die Maske ja eigentlich das Gesicht ist. Andererseits aber sich auch einbilden, das die Züge des Menschen - je nach dem, in welchem Blickwinkel man sie in Augenschein nimmt - sich ganz leicht entpersonalisieren lassen. "Lucy" also oder "Eva" und "Patricia" für die Species Mensch an sich stehen. Dass es Frauen sind, spielt keine Rolle mehr.
Was Ute Krautkremers abstrakte Papierabgüsse aus der Serie "inside-out" anbelangt, mit denen man gleichfalls optische Spiele veranstalten kann: Nur wer genauer hinschaut, kann entdecken, dass sich die Künstlerin aus einem Baukasten der Formen bedient und diese immer wieder - auch farblich - variiert. Aber es ist ihr eigener Baukasten. Und er wird wohl immer wieder von ihr selber aufgefüllt.