I. Helen Jilavu
 
Junge Kunst aus der Pfalz

Transit
Textausschnitte aus der Eröffnungsrede von Esther Klippel, zu der gleichnamigen Ausstellung, 2011

Auf den ersten Blick sind Ihre Fotografien einfach - schön, hoch ästhetisch. Sie kommen uns bekannt vor, lassen Stilleben des niederländischen Barock vor unserem inneren Auge auftauchen, wo kunstvolle Arrangements aus Blumen, Insekten, Früchten, Gegenständen vor einem dunklen Font aufleuchten, in ungefährer Augenhöhe mit uns, dem Betrachter, der Betrachterin. Beim genauen Hinsehen ist auch schon das Welken zu erkennen, der Verfall, Andeutungen auf die Endlichkeit alles Lebenden. [...]
Es ist eine besondere Gabe Helen Jilavus, nicht nur auf ihre untrügliche Intuition zu vertrauen, sondern auch auf die Wirkung dessen, was ihr Gespür sie finden lässt. Sie lässt die Zartheit der Pflanzen, ihre einfache Schönheit ganz für sich sprechen, verzichtete bei den ersten Aufnahmen sogar auf eine Lichtsetzung sondern nutzte allein das Restlicht des abgedunkelten Raumes für deren Beleuchtung. In jedem dieser Bilder, und in jedem auf seine eigene Weise, entfaltet sich dadurch eine ganz eigene Magie. Ein Zauber, der uns bannt und uns anlockt, betört - so, wie es Pflanzen mit Bienen zu tun pflegen.
Ein neuer Raum entsteht, eine zweite Ebene. Die Fotografie, eigentlich Umwandlung eines Körpers ins Zweidimensionale, zieht uns hier hinein in ihre Tiefe, wird dreidimensional. Der schwarze Hintergrund der Bilder wird zum imaginären Raum, den wir füllen - mit eigenen Assoziationen, Gedanken, Erinnerungen. Die Pflanzen erwachen darin zum Leben. Ihre Namen geben ihnen Persönlichkeit - Elfenspiegel, Zauberschnee, Natternkopf, Schlangenzunge - sie treten auf wie Botschafter einer unsichtbaren Welt - und mit uns in Korrespondenz. Doch nicht genug: die Reise ins Innere der Bilder geht weiter. Bei einigen Motiven brechen weiße, geometrische Flächen das Schwarz des Hintergrundes auf. Sie scheinen die Pflanzen in ihrer Fragilität und Feinheit zu bedrohen. Sie stören das Bild, sie verstören uns. Woher kommen sie? Kaltes Licht, das durch den Schlitz einer nicht sichtbaren Türe fällt. Einer Türe, die zu einem weiteren Raum führt - vielleicht. Strahlen einer gleißenden Sonne, die den Bildraum nach oben ins Unendliche erweitert - vielleicht. Wie dem auch sei, die Reise geht weiter. Wir sollen nicht verharren. Die Serie heißt Transit, nicht Stillstand.

Die Wechselwirkung von Raum und Objekt, von Raum und Mensch hat Helen Jilavu schon in früheren Arbeiten beschäftigt. Ob im Iran, in Rumänien, in leeren Wohnungen, Fabrikhallen, im Freien. Immer wieder greift sie die Frage auf: Wo verorte ich mich? Wie beeinflusst mich der Raum, der mich umgibt? Welchen Einfluss nehme ich auf den Raum? Wobei "Ich" hier für jeden Einzelnen steht.
Die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema brachte ihr bereits mehrere Stipendien sowie 2008 die Teilnahmer an der Manifesta ein. [...]
"Stillleben", das heißt, in der strengen Übersetzung aus dem Niederländischen "Unbewegtes Dasein". Helen Jilavu hat mit "Transit" eine Bildserie geschaffen, in der es ihr durch die Erschaffung innerer Räume gelungen ist, den Stillleben Lebendigkeit und Dynamik einzuhauchen und so aus dem ewigen Schlaf des Unbewegten Daseins zu befreien.


Du. Ich. Das Leben.
Von Ariane Mensger Ausschnitte aus dem Katalogtext zu (re)-appearance, 2005

Die Fotografien von I. Helen Jilavu konfrontieren den Betrachter mit irritierenden Szenerien, die an realen Orten aufgenommen wurden und dabei in hohem Maße inszeniert erscheinen. Sie sind das Ergebnis eines sorgfältigen Kompositions- und Auswahlprozesses und zeichnen sich durch eine strenge formale Sprache aus. Meist dominieren Vertikale, Horizontale und rechte Winkel, die ein geometrisierendes Liniengefüge bilden. Im Dialog zwischen Fläche und Raum entstehen komplexe Raster, in denen sich nicht selten ein Bild im Bild herauskristallisiert. [...]
Jeder Raum ist eine einzige Leerstelle, besetzt dann und wann von einer rätselhaften Gestalt in altmodischer Tracht, entwurzelt und wie ein Fremdkörper in die moderne Umgebung gesetzt. Diese Gestalt, verkörpert von der Künstlerin selbst, tritt praktisch in jeder Fotofolge in Erscheinung und ist ein wichtiges Element, gleichsam der Ausgangs- und Endpunkt in Jilavus Schaffen. Entweder streng frontal mit intensivem Blick das Gegenüber fixierend. Oder als Rückenfigur sich entziehend und damit als Identifikationsmodell für den Betrachter freigegeben. Manchmal fügt sich ihr Körper in die Szene ein, unauffällig bis zum Verschwinden, manchmal beherrscht seine Präsenz den ganzen Raum, manchmal ist ihre Anwesenheit nur als Bild im Bild gegeben. Und doch ist die Figur immer fremd, ein Fremdkörper, dessen Beziehung zur Umgebung rätselhaft bleibt. Wir begleiten die Gestalt durch ortsfremde Räume, an beziehungslose Orte und in ferne Kulturen. Wir sehen sie in der Stadt, auf dem Dorf, in der Natur, immer gleich enigmatisch verschlossen und unbeteiligt. Diese Gestalt ist der einzige lebendige Bezugspunkt im Bild und bildet doch nur eine weitere Leerstelle. [...]

Jilavus zentrales Thema ist dabei Identität - Identität nicht als feste Größe, sondern als hybrides Konstrukt, das sich in Beziehungen zu Räumen, Orten und der Vergangenheit konstituiert. Die Künstlerin erprobt in verschiedenen Anordnungen die Bedingungen des Selbst, wobei sie auf viele Fragen aber nur wenige Antworten stößt. Als Kind einer rumänischen Einwandererfamilie können ihre Arbeiten als künstlerische Stationen ihrer persönlichen Suche gedeutet werden. Gleichzeitig verhandelt Jilavu ihr Thema in einem universalen Sinn, der über den biografischen Rahmen weit hinausweist.