Text von Monika Jagfeld

Wenn wir Farben sehen, so machen wir uns selten bewusst, dass sie aus physikalischer Sicht lediglich Erscheinungen von Lichtwellen sind. Unter dem Titel "Spektral" stellt Jörg Heieck Fotoarbeiten vor und es wird schnell deutlich: der Titel ist zugleich Programm.

Als Spektrum verstehen wir die Farbfolge, die bei der Brechung von weißem Licht durch ein Prisma entsteht. Die so genannten Spektralfarben bezeichnen die Farben unterschiedlicher Wellenlänge von Violett über Blau, Grün, Gelb, Orange bis Rot, die nicht weiter zerlegbar sind. Ausgehend vom Weiß als Summe aller Farben, gliedert Jörg Heieck seine Werke entsprechend dieser Farbfolge. Er zeigt, dass seine Arbeiten als Licht-Bilder im doppelten Sinne wahrzunehmen sind: Es wird uns das Phänomen Farbe als Lichterscheinung vergegenwärtigt, festgehalten im fotografischen Bild, das wiederum durch physikalische Prozesse, nämlich Lichtabsorptionen entsteht.

Die Werke Jörg Heiecks zeichnet ein intensives Farberlebnis aus. Auch zeigen seine Arbeiten, dass für ihn nicht das Ausreizen der fototechnischen Möglichkeiten im Vordergrund steht, mit denen bestimmte Farbeffekte erzielt werden könnten. Als Physiker ist er in der Lage, Lichtreaktionen und -effekte gedanklich vorwegzunehmen, was für ihn den Reiz des Experimentierens mittels Kamera verringert. Den Fotografen Jörg Heieck hingegen drängt ein rein ästhetisches Interesse. Die Perfektion der Farbwirkung sucht er in der Auswahl des Bildausschnitts.

Unabhängig vom Motiv richtet Jörg Heieck seinen Fokus auf die vorgefundene Farberscheinung des jeweiligen Bildgegenstandes in seiner spezifischen Lichtsituation. So wird der Raum einer Tiefgarage einmal in ein zartrosa Licht getaucht, durch die Neonbeleuchtung leicht ins Grünliche changierend, wohingegen sich eine U-Bahnstation im gleißenden Gelb darstellt, durchzogen von diagonalen, weißen Bahnen der Lichtröhren.

Ein anderer Blick in ein Parkhaus zeigt wiederum den Einfall des Tageslichtes gegen die Bogenarchitektur: Der schwach erleuchtete Innenraum kontrastiert mit dem hellen Gegenlicht, das die Arkaden - ähnlich einem Solarisationseffekt - mit einer Lichtkontur umgibt und die Architektur aufzulösen scheint. So, wie Farben auch materielle Assoziationen hervorrufen können, kann der Bildgegenstand in einer bestimmten Farberscheinung wiederum zu Licht immaterialisiert werden. Der Wahrnehmungsverlust seiner objekteigenen Stofflichkeit und Plastizität wirkt stark verfremdend, da eine eindeutige Definition des Bildobjekts und der dargestellten Situation ausbleibt.

Architektur wird hier nicht mittels bildnerischer Darstellung als Lebensraum des Menschen interpretiert. Ohne jegliche topografische Bestimmung wird vielmehr der Charakter der Architektur zur Formulierung einer Bildidee genutzt. Und die Bildidee von Jörg Heieck ist eine primär malerische. Bestimmendes Merkmal seiner Fotoarbeiten ist das Hervorheben formaler Strukturen, das sowohl seine Architektur- als auch Landschaftsaufnahmen kennzeichnet. Er zerlegt die Motive in Farbflächen und -formen, versteht diese als Gestaltungselemente der Bildkomposition, anstatt eine inhaltliche Aussage zu definieren.

Wie ein Fächer breitet sich das Bahnhofsgewölbe in abgesetzten Hell-Dunkel-Partien bis hin zu den kontrastierenden, roten Streifen der Züge aus. Dann wieder zeigt sich seine Raumerfahrung als zwei, horizontal gegeneinander gesetzte Farbflächen unterschiedlicher Blautöne, lediglich durchbrochen von einem schmalen weißen Wand- bzw. Säulenstreifen. Die formale Konzentration entspricht einer reduzierten Farbigkeit und nähert damit die Fotografie einem nahezu monochromen Bild an.

Jörg Heieck sucht mit Vorliebe außergewöhnliche Perspektiven: gedrungene Räume, wie beispielsweise Tiefgaragen, sowie stark abfallende oder steil aufragende Architekturen. Die Wahl des extremen Querformats der Panoramakamera unterstützt den perspektivischen Blick. Paradoxerweise konzentriert sich das Panoramaformat zumeist nur auf einen knappen Ausschnitt des Motivs und verleiht damit der einzelnen Form eine Monumentalität, die wiederum jede Räumlichkeit negiert. Je knapper der Bildausschnitt gewählt ist, umso deutlicher wird die künstlerische Absicht, die Architektur zu einer, bis zur Ungegenständlichkeit reduzierten Komposition zu abstrahieren. Diese kann sowohl koloristisch als auch durch ein grafisches Lineament geometrischer Rasterstrukturen aufgebaut sein.

Seit ihren Anfängen hat sich die Fotografie ein Bild von ihrer Umgebung gemacht und hat sich mit dem Ziel, die Realität aufzuzeigen, Stadt und Land erschlossen. Jörg Heieck setzt der Realität die Relativität der subjektiven Wahrnehmung entgegen. Seine Fotoarbeiten beschreiben weniger eine architektonische Landschaft, sie muten vielmehr wie arrangierte Stilleben achitektonischer Farbformen an. Jörg Heieck nutzt die reale Umgebung zur Erschließung künstlerischer Bilder. Er präsentiert das Bildobjekt in seiner farbigen Erscheinung des Lichts als fotografische Lichterscheinung - so, wie ihm der Gegenstand erscheint.