Fördergemeinschaft Herrenhof Mußbach / Herrenhof Mußbach
 
"Pfälzische Sezession - Die frühen Jahre"
Hommage an verstorbene Mitglieder
21.09.08 bis 19.10.08

Zehn plus Eins - Die frühen Jahre der Pfälzischen Sezession

Noch im letzten Kriegsjahr, Ende des Jahres 1945, formierte sich die Pfälzische Sezession in Neustadt an der Weinstraße. Die Künstlergruppe gehörte zu den ersten deutschen Nachkriegsvereinigungen. Nach mehr als einem Jahrzehnt nationalsozialistischer Unterdrückung war das Bedürfnis nach freier künstlerischer Äußerung und öffentlicher Präsentation der Werke groß. Mangel, Entbehrung und die schwierigen Verhältnisse der Nachkriegsjahre förderten die Einsicht, dass nur Solidarität, Bündelung der Interessen und freier Gedankenaustausch eine neue gesellschaftliche Basis für Kunst und Künstler schaffen könnten.

Es war das Privileg des Historischen Museum der Pfalz, den Aufbruch der Künstler nach dem Krieg zehn Jahre lang zu begleiten. Das Museum gewährte der Sezession ein Forum, das den Kunstschaffenden half, ihre jeweils eigenständige Identität in der Gemeinschaft zu finden. Eisige Kälte herrschte an jenem 23. November 1946, dem Eröffnungstag der ersten Ausstellung der Pfälzischen Sezession im Historischen Museum der Pfalz in Speyer (es war von den Zerstörungen des 2. Weltkrieges verschont geblieben). Die Kälte setzte sich in den Galerieräumen der Institution fort, denn das Gebäude besaß keine Heizung, zumindest nicht in den Ausstellungsräumen. Der kleine Kreis von Künstlern und Kunstfreunden befand sich dennoch in Aufbruchstimmung. Das Ideal des Fortschritts, das Wagnis des Neubeginns, ja die Suche nach dem Neuland in der Kunst hatten die Maler, Bildhauer und Grafiker um Rolf Müller-Landau, Edvard Frank und Theo Siegle bereits in der Satzung der Pfälzischen Sezession vom 22. Juni 1946 formuliert. Man war im Begriff, ein Sammelbecken zu schaffen, ein Forum, das die Notwendigkeit eines künstlerischen Austauschs über die Grenzen der Pfalz hinweg einschloss.

In einem Gespräch mit der Journalistin Dr. Anne Stegat fasst die inzwischen verstorbene Künstlerin Karin Bruns 1995 die Situation der Künstler 1946 zusammen: "Zwar plagten die Menschen unmittelbar nach dem Krieg existenzielle Sorgen, und dennoch waren sie hungrig nach Kultur". Für die Besucher der ersten Ausstellung war eine Zusammenkunft nicht einfach zu bewerkstelligen, denn die Rheinbrücken waren zerstört, die Fähren überfüllt. Von Landau nach Speyer und zurück war man stundenlang unterwegs. Karin Bruns war sehr beeindruckt von der ersten Ausstellung der Pfälzischen Sezession, der "Vielfalt individueller Arbeiten und des hohen künstlerischen Niveaus wegen". Kurze Zeit später war sie selbst Mitglied der "Sezession".

Zehn wichtige Ausstellungen der Pfälzischen Sezession fanden im Historischen Museum der Pfalz statt: 1946 bis 1955. Eine elfte, nicht minder wichtige Präsentation versicherte die Künstlergruppe ihrer Vergangenheit und ihrer Zukunft: Die Jubiläumsausstellung zu ihrem 50. Bestehen im Jahre 1995. Auch ihren 60. Geburtstag feierte die Künstlergruppe in Speyer, diesmal im Kulturhof Flachsgasse. Diese wichtige Ausstellung wanderte im August/September in die Landesvertretung Rheinland-Pfalz in Berlin, wo sie mit großem Erfolg (in kleinerem Umfang) ebenfalls hervorragend präsentiert wurde.
Möge es so weitergehen!

Wolfgang Leitmeyer, Stellvertretender Direktor Historisches Museum der Pfalz


Ab dem Eröffnungstag wird eine Subskriptionsliste ausliegen für den in Arbeit befindlichen Katalog, der zum Tag der Finissage am 18. Oktober erscheinen wird.


Besprechung von Gabriele Weingartner, Die Rheinpfalz vom 22.09.08

Das Freiheitsgefühl des Neuanfangs
Eine Ausstellung im Mußbacher Herrenhof feiert die frühen Jahre der Künstlervereinigung Pfälzische Sezession

"Die frühen Jahre" nennt sich die aktuelle Ausstellung im Herrenhof in Neustadt-Mußbach, die sich als "Hommage an verstorbene Mitglieder" der Künstlervereinigung Pfälzische Sezession versteht. Das Wort "früh" im Zusammenhang mit der sich schon 1945 formierenden Gruppe darf man allerdings nicht nur mit Blick auf die Biografien der Mitglieder begreifen, weil man dadurch den fulminanten künstlerischen Anfang, den man damals - im Jahr des Epochenbruchs - wagen wollte, unterschlagen würde.

Es empfiehlt sich, mit jener Hölderlin-Zeile im Kopf durch die Schau zu gehen, die den Jahren des Wiederaufbaus noch heute - so euphorisch wie inflationär - unterschoben wird: "So viel Anfang war nie." Tatsächlich leuchtet der Vers fast aus jedem Exponat dieser aus über 100 Leihgaben zusammengetragenen Ausstellung, so gegensätzlich und vielfältig die Anfänge - und damit auch die Schlusspunkte - der Maler, Grafiker und Bildhauer in jenen "frühen Jahren" auch ausgefallen sein mögen. Denn jeder hatte in jener Phase seinen eigenen deutlich sichtbaren Anfang.

Otto Dill beispielsweise, eines der Gründungsmitglieder der Pfälzischen Sezession und mit drei typischen Arbeiten vertreten, trat schon 1950 wieder aus der Künstlergruppe aus: Weil ihm so viel Anfang zu viel war und er den Weg in die Abstraktion nicht mitvollziehen wollte. Aber für all die anderen Künstler der frühen Jahre schien es ausgemacht, dass die Distanz vom Kunstdiktat der Nationalsozialisten nicht groß genug sein konnte. Was hieß: Nach dem diktatorisch verordneten Blut- und Boden-Kitsch der Nazis zog es die meisten in die heile Welt der Abstraktion.

Wenngleich nicht jeder so virtuos und selbstverständlich damit umgehen konnte wie Rolf Müller-Landau, der es sich nicht nehmen ließ, zur Gründung der Sezession und zu deren erster Ausstellung in Neustadt Freunde und Kollegen aus dem Saarland, aus Baden-Württemberg, Berlin und Hamburg einzuladen, um für die Offenheit der neuen Vereinigung zu sorgen.

Genau dieses Offene, Spielerische, Undoktrinäre zeigt sich denn auch in der Schau, in der man nicht nur einigen der schönsten Gemälde Hans Purrmanns begegnen kann, sondern auch einer längst klassisch-modern gewordenen Büste, die Purrmann darstellt, gestaltet von Emy Roeder. Selbst heute spürt man noch, wie stark, ja, stolz die Arbeiten der Maler Edvard Frank, Werner Gilles, Fritz Zolnhofer, die Skulpturen der Bildhauer Gustav Seitz, Fritz Schwarzbeck und Theo Siegle, die Holzschnitte von HAP Grieshaber damals gewirkt haben müssen, was freilich auch an der gelungenen Inszenierung der Schau liegen kann. Nichts Zaghaftes zeigt sich da, sondern ein geradezu eruptiv sich äußerndes Freiheitsgefühl.

Zwar floss dieses nicht etwa in gestische Malerei, so weit war man in den ersten zehn Jahren der neuen (west-)deutschen Bundesrepublik noch nicht. Zuerst einmal knüpfte man gern unmittelbar an der lange verboten gewesenen europäischen Moderne an, weshalb Picassos und Braques Kubismus oder der Orphismus des Ehepaars Delaunay ganz ungehemmt durch die Kunsthalle geistern. Zugleich aber war doch jeder der frischgebackenen Sezessionisten in jenen schwierigen Jahren, in denen es an Farben und Lebensmitteln mangelte, ganz nah bei sich selbst und seiner höchst eigenen Kunst. Dass vor dem Neuanfang der Stillstand herrschte oder das zwangsläufige Sich-Totstellen, sieht man den zauberhaften, souverän zwischen Klee und Macke oszillierenden Aquarellen von Edvard Frank nicht an.

Natürlich bezieht sich die "Hommage an die verstorbenen Mitglieder" auch auf solche Kunstschaffende, die erst später in die Pfälzische Sezession gewählt wurden: auf Karin Bruns zum Beispiel, deren Pastelle und Zeichnungen sich mitnichten abstrakt gerieren, auf Karl Kunz, dessen "weibliche Akte" an Francis Bacons "eingedampfte" Menschenbilder erinnern, oder auch auf Alo Altripp, der sich wohl am entschlossensten der lyrisch-konstruktiven Abstraktion verschrieb. Eine Terrakotta-Büste des Kindes "Albrecht Müller" aus dem Jahr 1948 legt zudem Zeugnis ab, wie rigoros reduzierend sich Michael Croissants Entwicklung vollzog. Und nicht zuletzt die Bronzen und Bleistiftzeichnungen von Otto Kallenbach beweisen, mit welch großen Talenten sich die Pfälzische Sezession schmücken durfte.





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Pfälzische Sezession
Rolf Müller-Landau: "Porträt seiner Frau Hermine" (1947)