F├Ârdergemeinschaft Herrenhof Mu├čbach / Herrenhof Mu├čbach
 
Thomas Brenner: "Inszenierte Fotografie"
11.06.06 bis 02.07.06

Einführung von Dr. Matthias Brück

Man fragt sich, wie es weitergeht. So als stünde man vor den Schaukästen großer Kinos, in denen spannende oder anrührende Szenen gewissermaßen gebündelt wurden, um die Betrachter zum Kartenkauf zu animieren.

Nun ist Thomas Brenner zwar kein Kinobesitzer, kein Hollywood-Produzent, doch zahlreiche seiner Fotografien - annähernd vergleichbar mit manchen Stills von Cindy Sherman - die unter seiner Regie entstehen, könnten gleichsam zum Auftakt eines hintergründig-chiffrierten Films werden. Doch daran denkt Thomas Brenner nicht - zumindest noch nicht.

Seine Inszenierungen der einzelnen Exponate, die häufig erst in tagelanger Arbeit abgeschlossen werden, scheinen Geschichten zu erzählen: Geschichten, die es formal und inhaltlich so noch nie gegeben hat, auch wenn einzelne Aspekte bekannt erscheinen. Was Wunder, sind sie doch dem so genannten Alltag entnommen, tangieren Einfluss und Probleme unserer Mediengesellschaft bis hin zu einem überspitzen Pathos, das sich selbst zu karikieren scheint.

Gerade in der Serie "Digitalisiertes Leben" versteht es dieser Künstler, eine längst allmächtige Entwicklung gewissermaßen auf die Spitze zu treiben. Fast perfide setzt er den transformierten Tanz um das "digitale Kalb" in Szene. Konsequenz einer Unmündigkeit, die der Mensch seiner eigenen rigiden Programmierung der Realität verdankt. Jeder hängt am Bilder-Tropf - ganz ohne Rezept und Krankenschein. Der Bildschirm wird zum flimmernden Heim-Altar.

Fast immer entwirft Thomas Brenner ein dramatisches Theater, dessen Bühne überall stehen könnte, da er den jeweiligen Raum - ob Landschaft oder Architektur - neu erschafft und in ein monumentales Studio verwandelt. Bewegungen scheinen eingefroren zu sein - und doch bebt die jeweilige Szenerie so vor innerer Spannung, dass man als Betrachter atemlos auf den weiteren Fortgang des Geschehens wartet.

Die jeweilige "Fortsetzung" hängt natürlich davon ab, wie man die einzelne Inszenierung interpretiert. Und gerade da lässt der Künstler fast alles offen und serviert statt eindimensionaler Banalitäten ein Universum von Deutungsmöglichkeiten und Assoziationen. So wundert's kaum, dass sich seine Arbeiten zur "Ligne Maginot" einer strengen Vergangenheitsbewältigung verweigern und der "moralische Zeigefinger" draußen vor bleibt.

Dafür arbeitet dieser Foto-Künstler viel zu differenziert. Mit seiner eigenwilligen, unverbrauchten Symbolik setzt er einen Wahrnehmungsprozess in Gang, der zur Auseinandersetzung mit den Problemfeldern Freiheit und Unterdrückung, Individualität und Konformität einlädt. Um die Reflexion anzustoßen, verknüpft er verschiedene Ebenen, die er bisweilen zu einer großen Chiffre aufzubauen weiß. Historische Erinnerungen, ironisch gebrochene Weiheszenen und erotische Tableaus mischen sich mit sarkastischem Flammenpathos. Grundlage dafür ist und bleibt Thomas Brenners sicheres Gespür für aufbrechende Emotionen und straff organisierte Details, die durchaus frei improvisiert erscheinen können.

In einem Moment mag es sich um zeitlich und örtlich versetzte Mysterienspiele handeln, dann wieder um Szenen aus einer zukünftigen Welt oder um eine ironisch überlagerte Rückkehr aus der Zukunft. Kühn bringt dieser Künstler all diese Kombinationen und Möglichkeiten auf einer Ebene zusammen - nicht als lineare Folge, sondern über eine reine Zusammenschau hinaus als eine neue Realität, die vorgibt, keine listig-hinterlistige Simulation zu sein.

Zu einem surrealen Verwirrspiel entwickelt sich sicherlich die Serie "Brot und Spiele", wenn ein erotisches Rotkäppchen in der Wüste in Strömen von Brötchen entzückt seiner Sammelleidenschaft nachgeht oder die Baquettes pipelineartig die Versorgung garantieren. Die Einkaufswagen vor dem Supermarkt quellen über vor Backwerk. Doch diese Zeiten des paradiesischen Überflusses scheinen bedroht, vorbei zu sein. Denn warum sollte man sonst Menschen im Wald antreffen, die in seltsamen Ritualen das Brot anzubeten scheinen, ihm sogar ein leuchtendes Denkmal am Wegesrand errichteten? Die fetten Brötchenjahre sind wohl vorbei - und alles scheint wieder von Vorne zu beginnen.

Und unter einem einst reich gedeckten, riesigen Tisch haben sich wohl in Godotscher Endgültigkeit Menschen mit leeren Tellern versammelt, als würden sie auf das neue Manna warten.

Es ist eine der Stärken von Thomas Brenner, dass er im Gegensatz zu vielen professionellen Mahnern und selbsternannten "Querdenkern" sich nicht als moralinsaurer Betroffenheits-Guru gebärdet: Dass er vielmehr analytisch-ästhetische wie symbolisch-visionäre Entwürfe verfasst, die nicht dogmatisch degenerieren, vielmehr dem Betrachter auch einen offenen Horizont des Denkens bieten können.





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Thomas Brenner
Thomas Brenner: "Brot und Spiele VII" (2004)