Landkreis S├╝dwestpfalz / Kreisgalerie Dahn
 
Anne Janoschka und Anne Marie Sprenger: "Zwei 2"
07.01.07 bis 04.02.07

Einführung von Dr. Matthias Brück

Was auch immer sich im so genannten Neuen Jahr ändern sollte, eines bleibt hoffentlich: die Neugierde, das Offen-Sein für das Andere, das Streben nach Erkenntnis. Gewiss, Manches, vielleicht sogar Vieles davon werden Sie vermisst haben und wahrscheinlich auch weiterhin vermissen, und sich zu recht ärgern: sei es über politische Überheblichkeit, über gemanagten Größenwahn oder über Ungerechtigkeiten in aller Welt… Und doch besteht immer wieder eine Möglichkeit, quasi innezuhalten - nicht im Sinne einer sentimentalen Feierlichkeit - sondern im Nachdenken frei von aktuellen Zwängen und fremdgesteuerten Zwecken. Und gerade dazu scheint mir ein künstlerisches Engagement, das nicht stromlinienförmig dem Zeitgeist hinterher jagt, das sich nicht blind erfolgsorientiert gebärdet, mehr als sinnvoll zu sein!

Gerade diese Qualitäten begegnen Ihnen in der heutigen Ausstellung mit Arbeiten von Anne Janoschka und Anne-Marie Sprenger. Um Missverständnissen vorzubeugen: keine dieser Künstlerinnen serviert Ihnen "leichte Kost". Im Gegenteil, sie fordern von Ihnen ein vorurteilfreies, undogmatisches Hinsehen, fern aller Déjà vu Hindernisse.

Nicht zufällig verweisen bei Anne Janoschka Titel wie "Grenzsuche" oder "Grenzgebiet" auf Orte, Sektoren eines Dazwischen. Kompositionen, in denen die herkömmliche Orientierung ins Wanken gerät. Blöcke, Partien, in denen sich malerisch subtil gestaltete Partien gegenüber zu stehen scheinen, auch wenn sich ihre inneren Strukturen ähneln und sich nur durch eine differierende Farblichkeit unterscheiden mögen. Durch die verschiedensten, übereinander gelagerten Schichten entstehen Oberflächen, die sich einmal regelrecht hautartig präsentieren oder sogar organische Materie zu entbergen scheinen. Dichte Maserungen, Fasergeflechte könnten in jedem Augenblick zu pulsieren, zu atmen beginnen, ohne deshalb eine gesicherte Erkenntnis des Dargestellten zu garantieren (Nicht umsonst heißt eines dieser Exponate "Hybrid", auf gut deutsch "Zwitter").
Es ist ein dialektisches Spiel, das diese Künstlerin auch auf Themen wie "Landschaft" oder "Insel" anwendet. Nur entfernt assoziiert man geografische Formationen, dafür scheinen psychisch-existentielle Sphären, Fragestellungen tangiert zu werden, die jedoch letztlich nur geahnt, nicht erkannt werden dürften.

Dieses rätselhafte Sowohl-als-auch setzt sich ebenso in den jeweiligen Objekten fort. Sind es da einmal monströse Wurzeln oder schlicht Gebilde - aus Lust an der Form entstanden? "Reisevorbereitung" heißt einmal eine dreiteilige Arbeit, die fast ironisch-subversiv ein vegetatives Wachstum von den ersten Würzelchen bis zum skizzierten Marktstand begleitet. Und was bedeuten die Handtuchhalter vor den Bildschirmen? Ein striktes Ablehnen der fremdbestimmten Nachrichten und der unsäglichen Bilderflut? Oder steht dahinter ironisch der Abgesang auf die alte Technik, die längst durch noch raffinierteres, allgegenwärtiges Besitzergreifen den Menschen beherrscht?
Jetzt können Sie sicherlich auch die zwei herrlich herausgestreckten, roten Zungen mehrfach deuten: Entweder entdecken Sie ein schadenfrohes "Ätsch" oder ein ins Bild gesetztes materialisiertes, lustvolles Genießen. Hintergründige Fragen, deren Antworten offen bleiben…
Und wenn Sie sich zuletzt mit den Sgraffitos auseinandersetzen, werden Sie im Gegensatz zu den Acrylen auf ein anderes Spiel mit kecken, ja humorvollen, oft harmonischen Formen stoßen. Freie, ortlose Zeichen, voller Assoziationsmöglichkeiten, die möglicherweise Wege, Umleitungen oder Irrwege verführerisch anbieten.

Zum Teil in farbsymbolischer Aneignung erhellt, entwirft Anne-Marie Sprenger die Strukturen ständiger Grundsituationen, Grundspannungen, ohne allerdings das Einzelschicksal besonders zu betonen. So wundert es auch nicht, wenn in einem Plexiglasturm regelrecht gestapelte, verschlüsselte Aufzeichnungen wie Lebensschichten installiert wurden, die der Betrachter wie eine Schriftrolle öffnen darf. Allerdings sind es hier keine dokumentierten Biografien, vielmehr Chiffren unserer Existenz, denen jeder seinen eigenen Sinn geben darf.

So wollen die verschiedenen Objektkästen auch keine teilhermetische Abgeschossenheit suggerieren, sondern fungieren als "Durchgänge" wie die Künstlerin sie schlicht bezeichnet. Entpuppt sich doch der zuerst kanalisierte, blockierte Einblick als Täuschung. Denn letztlich offenbart sich dem Betrachter die Sicht auf eine offene Sphäre, die in ihrer Weite und Unbestimmtheit ein mögliches Weitergehen, ein mögliches Durchschreiten eröffnet. Ein Durchschreiten, das sich bei dieser Künstlerin als eine Grundsituation menschlichen Lebens erweist. Sie können es in den beiden Bildern aus dem Buch "Die Gestalt des Glaubens - Psalmen in Wort und Bild" nachvollziehen.

In markanten Rot-Schwarz-Kontrasten - zugleich eine Farbsymbolik für Liebe und Tod - erscheint die Welt als eine Konstellation von Barrieren, unweglosem Gelände oder zahlreichen, sich staffelnden Schichtungen. Doch inmitten dieses Chaos', das bereits durch teiltransparente, ineinander greifende Flächen relativiert wurde, werden Auswege angedeutet. Sei es eine Leitersymbolik - analog zur Textstelle des Psalms 27: "Hoffe auf den Herrn und sei stark!", sei es der Gedanke der Rettung, in Form eines Doppelringes, eine Art Anker in zielloser Strömung. Dabei wird der jeweilige Psalm-Text für diese Künstlerin keineswegs Vorlage zur Illustration, vielmehr ein künstlerischer, existentieller Initialzünder des interpretierenden Gestaltens, der
Hoffnung und des Glaubens. Und diese "Anker" scheinen notwendiger denn je in einer immer stärker sinnentleerten, konsumbanalen Zeit, die Anne-Marie Sprenger auch als verkabelt, unentwirrbar vernetzt, als technisch hybride Monstrosität zu demonstrieren weiß.

Dem setzt sie - direkt-indirekt - die Möglichkeiten des Änderns, des Sich-Änderns, immer wieder entgegen. Da wirken diese Arbeiten auf Grund ihrer faszinierenden Farbgebung, ihrer vorübergehenden Gegensätzlichkeit, die in der Bewegung wiederum relativiert werden kann, zum Teil wie Tore in eine andere Welt - und gewinnen darüber hinaus eine abstraktumgreifende eigene Ästhetik. Bekenntnis und Intensität bleiben dabei stets ungebrochen: ich meine den Ausgang vom erfahrenen Endlichen ins mögliche Unendliche. Das Überschreiten der sichtbaren Lebenswelt hin ins Numinose, Transzendente.

Ich wünsche Ihnen - fast noch termingerecht zum so genannten Neuen Jahr, dass Sie mit Anne Janoschka die Faszination des Rätselhaften, Geheimnisvollen erleben und mit Anne-Marie Sprenger die Zuversicht erhellende Durchgänge und Hoffnungen zu finden.





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Anne Janoschka
Anne Janoschka: "Hybrid" (2006), Acryl auf Leinwand, 100 x 80 cm