Fördergemeinschaft Herrenhof Mußbach / Herrenhof Mußbach
 
Bella Italia - Rheinland-Pfälzische Künstler erleben Italien
02.05.04 bis 23.05.04

Einführung von Gabriele Weingartner

Wahrscheinlich ist es einfacher, diejenigen Künstler und Geistesgrößen aufzuzählen, die nicht in Italien waren. Shakespeare zum Beispiel blieb Italien fern, er war dort nur in seiner Dichtung. Auch Caspar David Friedrich entzog sich bewusst der Faszination Italiens. Alle anderen Kulturschaffenden aber waren dort, vorwiegend diejenigen aus England, den Niederlanden und Deutschland. Die letzteren trieben es sogar besonders bunt. Ein deutscher Künstler, der nicht wenigstens eine gewisse Zeit in Italien verbracht hatte, wurde spätestens seit dem 17. Jahrhundert äußerst skeptisch beäugt und nicht recht ernst genommen. Und es ist ja auch so: Die vom italienischen Geist inspirierte Kunst verfügt bis heute über eine besondere Aura.

Jeder hat gewiss seine eigene Italien-Erinnerungen. Und wahrscheinlich sind diese nicht weniger bemerkenswert als die namhaften Italienreisenden, also nicht weniger lustig, poetisch oder traurig. Der Unterschied besteht allenfalls darin, dass es schöpferischen Menschen immer wieder gelingt, ihre Beschäftigung mit dem Land ihrer Sehnsucht in die eine oder andere Kunstform zu gießen und die italienische Sehnsucht, die auch zur Krankheit ausarten kann, wie wir wissen, ein Leben lang am Köcheln zu halten.

Der Italienreisende Goethe zum Beispiel! Er fehlt in keiner Anthologie, in keiner kunsthistorischen Abhandlung, die sich mit der rätselhaften und so fruchtbaren Affinität der Deutschen zu Italien befasst, zumal er ja auch beides, wenn auch nicht gleich gut, konnte: Schreiben und Zeichnen. Seine "Italienische Reise", die er nicht zuletzt antrat, um der besitzergreifenden Frau von Stein zu entkommen, wird uns Heutigen oft als die idealtypische Flucht eines Genies vorgegaukelt, das nicht nur dem kühlen, nebligen Norden entkommen wollte, sondern auch den häuslichen Querellen.

Dabei war Goethe weiß Gott nicht alleine. Und idealtypisch war er auch nicht in allen Bereichen, für unsere heutigen Begriffe jedenfalls. So hat er sich zum Beispiel stets viel intensiver für die antiken Hinterlassenschafen an seinem Weg interessiert als für die Renaissance, die doch vor allem in Italien zu so einzigartiger Blüte gekommen ist. Darin ähnelte er Johann Joachim Winckelmann, der nur wenige Jahre früher die Schönheit der Antike, deren "edle Einfalt und stille Größe" für uns spröde West-, Nord- oder Mitteleuropäer entdeckte und euphorisch beschrieb.

Winckelmann liebte die Antike so sehr, dass er katholisch wurde, nur um in den vatikanischen Archiven arbeiten zu können und war in seiner Begeisterung kaum zu irritieren. Goethe aber nannte die Serenissima, Venedig also, abschätzig eine Biberrepublik, nur weil sie auf Pfählen erbaut wurde. Auch die "wilden", unzivilisierten Menschen, die hier lebten, waren ihm nicht ganz geheuer. So hat er sich nach zwei Jahren wieder davon gemacht, um in Weimar endgültig verbeamtet zu werden. Das ist jetzt allerdings ein bisschen bösartig ausgedrückt, wir alle wissen, dass Goethe einen ganzen Kosmos über Italien geschaffen hat.

Andere sind dafür länger geblieben oder blieben gleich ganz im Land, wo die Zitronen blühen, um mit dem schönen Kind Mignon zu reden. Der deutsche Künstler Johann Friedrich Overbeck beispielsweise, der in Rom zusammen mit einigen Gleichgesinnten die Gruppe der "Nazarener" bildete. Sein Gemälde "Germania und Italia" drückt viel aus von der Sehnsucht aller Deutschen nach Italiens Ursprünglichkeit und Grazie. Künstler wie Overbeck suchten in Italien die Nähe zur Kunst der Antike und der Renaissance gleichermaßen, dürsteten aber auch nach religiösen Erweckungserlebnissen und betrieben nicht zuletzt eine Art Flucht in die Vergangenheit. Einige von ihnen wollten sogar in die Zeit des mittelalterlichen Kaisertums zurückkehren, wo es nur einen Glauben und eine Kirche gab. Und sich fortbewegen von der Wirklichkeit zuhause, in der sich die Verheerungen der industriellen Revolution schon leise ankündigten.

Arthur Schopenhauer, wie Overbeck, Joseph Anton Koch, Carl-Philipp Veit oder Anselm Feuerbach Dauergast im berühmten Caffè Grecco an der spanischen Treppe in Rom, ärgerte die Künstlergesellschaft durch seine heidnischen, respektlosen Bemerkungen und schürte auch den Konflikt zwischen den Romantikern und den Klassikern, Bertel Thorvaldson oder Wihelm von Schadow, um nur diese zu nennen, die im Zeichen des klassischen Altertums einen aufgeklärten Humanismus pflegten und die Nazarener - zumindest in ihrer Gesinnung - als reaktionär empfanden.

Dabei waren sich doch eigentlich alle nach Italien gekommenen oder dort ansässig gewordenen Kunstschaffenden einig: Beiden Richtungen ging es um die Überwindung der seelenlos gewordenen Regeln des akademischen Betriebs zugunsten der künstlerischen Selbstbestimmung. Und beide Gruppierungen liebten die unberührte Landschaft, das spezielle Licht und die Farben des Südens. Das ging so weit, dass die in Italien lebenden deutschen Künstler irgendwann, als die Fotografie aufkam, sich romantische Motive und Modelle zusammenstellten und die Idylle eben simulierten, weil dies schneller ging und damit mehr Geld zu machen war, als in der stechenden Sonne stundenlang für Originale zu sorgen.

Das heißt, der ab der Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzende Tourismus begann sehr bald mit dem Bildungshunger der Bildungsreisenden, deren Souvenir-Bedürfnisse gleichfalls befriedigt werden mussten, eine problematische Liaison einzugehen. Dass sich unter den Reisenden viele deutsche und deutschsprachige Menschen befanden, versteht sich fast von selbst. Einer der sympathischsten am Ende des Jahrhunderts war gewiss Sigmund Freud, der sich an den Statuen Michelangelos nicht satt sehen konnte und dies in seinen Briefen und Postkarten nach Hause immer wieder beschreibt, - ganz abgesehen davon, dass einer der wichtigsten Essays über Michelangelo aus seiner Feder stammt.

Sie sehen, es gibt viel zu erzählen über die besonderen Beziehungen zwischen Deutschland und Italien. Irgendwann, so ab den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist die Liebe zu Italien auch in breiteren Volksschichten schick geworden, das hatte nicht nur einen hedonistischen, sondern auch einen demokratischen Aspekt. In den siebziger Jahren begann man sich Häuser zu kaufen, man drehte Fernseh-Serien. Und in den achtziger Jahren gab es sogar eine deutsche Partei, deren besonders in Italien und italienische Produkte vernarrte Mitglieder man ungeniert Toskana-Fraktion nennen durfte.

Hier handelt und handelte es sich freilich um La Dolce Vita und die Liebe dazu, wobei ich nicht behaupten will, dass Künstler, und natürlich auch die, die hier ausstellen, nicht gleichfalls einen Sinn für das süsse Leben entwickeln können.

Die Arbeiten, die hier im Herrenhof ausgestellt sind, sprechen allerdings von einer existenzielleren Art der Liebe zu Italien, von einer Liebe, die womöglich sogar schmerzlich ist oder zumindest ambivalent, weil sie die eigene Kunst beständig mit der italienischen Fülle vergleicht, also kaum so leicht zu haben ist wie eine Tasse Cappuccino oder ein Paar handgenähter Schuhe aus Milano.

Im Gegenteil, die Italien-Liebe, die sich hier in diesem Raum kundtut, scheint überaus komplex und ist nicht leicht zu erklären. Sie ist eine aktive, eine ausübende, aber auch eine demütige und eine kontemplative Liebe, eine Liebe, die sich sinnlich und ästhetisch mit der Landschaft und der Kunst Italiens auseinandersetzt. Sie lässt sich bedrängen, überwältigen. Und befindet sich sozusagen immer - und das ist schwierigste und undankbarste - in der werbenden Position. Nie geht sie den bequemen Weg. Sie nimmt die Renaissance oder auch die klassische Antike zum Ansporn, orientiert sich also an den höchsten Zielen. Verachtet weder Handwerklichkeit noch Solidität. Und kann bewundern, ohne epigonenhaft zu werden.
Alle hier ausstellenden Künstler, so möchte ich behaupten, sind von dieser Art von Liebe zu irgendeinem Zeitpunkt ihres Lebens ergriffen worden, haben sie mehr oder minder stark in ihr Werk integriert und sind doch selbständige Wege gegangen: Sei es Werner Brand, Otfried Culmann, Volker Heinle, Eberhard Linke, Christiane Maether oder Gernot Rumpf.
Ja, Gernot Rumpf zum Beispiel, dessen Skulpturen Sie hier sehen. In den Erinnerungen an seinen Villa-Massimo-Aufenthalt in Rom gibt er offen zu, dass ihn "die Vielzahl der Eindrücke, die Anhäufung von Kunstwerken in den Museen und die eigene Ratlosigkeit "... " in eine künstlerische Krise gestürzt" habe. Und ist dann vom italienischen Virus doch so nachhaltig infiziert worden, dass er sein Leben lang freiwillig daran litt, daraus die schönsten Kunstwerke schuf, wie Sie feststellen können, und die italienischen Vorbilder immer gerne zitiert. Zum Beispiel, indem er ein Doppelporträt von Piero della Francesca ins Dreidimensionale übersetzt.

Auch Volker Heinle geht es so, die italienischen Städte, die italienische Spätgotik, die Renaissance, Venedig als Gesamtkunstwerk vor allem, sind seit Anbeginn seines Schaffens sein Fundus, sein Sehnsuchtsort, seine Reibungsfläche. Venedigs schwankende Palazzi scheinen eigens für seine Art der virtuosen Strichführung erfunden worden sein. In seinen Radierungen - Sie sehen hier nur einen Bruchteil der Grafiken und Aquarelle mit italienischen Motiven - schimmert immer ein bisschen Melancholie hindurch, vielleicht, weil er während des Radierens nicht in Italien sein kann, wobei er auf den Computergrafiken, die ihm seit einiger Zeit als vielfältige Ideenskizzen dienen, diese Schwermut erfolgreich, ja sogar fröhlich weggedrückt hat.

Aber auch in Werner Brands gezeichnetem Selbstbildnis "Ich und meine Skizzen von Rom" webt ein bisschen die Schwermut mit, interessant ist bei diesem Künstler vor allem der Vergleich zwischen den 1977 und 2004 entstandenen Blätter: Es ist und bleibt ein gezeichnetes, gezähmtes, sozusagen klassisch geschärft wahrgenommenes Italien, das sich hier zeigt, und es steht verblüffend deutlich in der Zeichen-Tradition der Deutsch-Römer und anderer künstlerischen Reisenden aus dem 19. Jahrhundert. Die drei Szenen von den Schwierigkeiten am Zoll - Bilder aus dem prallen Leben - bilden dazu einen gewissen Kontrast. Hier sehen Sie gestikulierende, lebendige Menschen, allerdings keine Italiener, sondern andere Europäer, die unbedingt nach Italien wollen.

Blätter von verschmitzter Symbolkraft also. Denn natürlich darf man sich fragen, was genau zeitgenössische Künstler in Italien suchen. Welches Italien suchen sie? Das gegenwärtige, das vergangene, das konservierte oder das lebendige? Alle gleichzeitig, würde wohl der Bildhauer Eberhard Linke antworten, der sich in seinen etruskischen Grabmälern nicht zuletzt von den Originalen faszinieren ließ und dennoch neue, gewagte Variationen davon schuf. Sich das etruskische Verhältnis der Menschen zu ihrem eigenen Tod als Exempel nahm und nicht den Tod, sondern die körperliche Liebe gestaltete. Linke vertieft sich jedoch auch immer wieder neu in italienische Landschaften, wie seine Gouachen zeigen, und ist bereit, aus alltäglichen Strandszenen überzeitliche Szenarien zu schaffen, die so oder nur wenig anders auch vor zweitausend Jahren hätten stattfinden können.

Vielleicht kommt es Otfried Culmann dagegen mehr auf die Schönheit an. Auf eine chiffrenhafte, fast schon transzendierte Schönheit, die sich unser einziger pfälzischer Surrealist von Graden als pars pro toto für die italienische Bellezza in seine Bilder holt. Er hat sich geradezu ein Verweissystem geschaffen, das Italien präsentiert, ein nicht selten winddurchwehtes Italien mit Palazzi, Zypressen, Brunnen, Aquaedukten, Villen, üppige Gärten, üppigem Grün, auch dem einen oder anderen Auto, das für italienisches Stilbewusstsein steht. Wenn man sich seine Bilder länger anschaut, ahnt man jedoch bald, dass sie symbolhaft wirken sollen: Es ist das Paradies, das hier gemalt wurde, und wohl nicht zufällig besitzt es Ähnlichkeiten mit Italien.

Jedenfalls hat sich Culmann sein Sehnsuchtsland genauso selbstverständlich einverleibt wie die großen Frauengestalten von Christiane Maether, die schon mal ein romanisches Portal oder ein ganzes Gotteshaus zwischen ihren Armen und Schenkeln tragen. Dagegen gibt die Installation der Künstlerin "Laudes Italiae", "Lobpreisungen über Italien" also, deren Grundriss dem Grundriss einer Kathedrale gleicht, uns Betrachtern Rätsel auf. Zusammengestellt aus unterschiedlich großen Bildern und aus allen Richtungen lesbar, scheint uns die Installation in viele kleine oder auch nur ein einziges großes Italien-Erlebnis der Künstlerin einweihen zu wollen, reiht Skizzen, Postkarten und Alltäglichkeiten aneinander, gibt wenigstens teilweise preis, wie beeindruckt Christiane Maether von den Kirchen in Sansepulcro, in Siena, in Arezzo war. Es sind Assoziationsmuster, mit den Blicken begehbar, künstlerische Prozesse, die sie offen gelegt hat, ohne doch Geheimnisse zu verraten.

Geheimnis. Geheimnisse. Zu guter Letzt wird es auch für uns ein Geheimnis bleiben, was die Faszination Italiens ausmacht. Vielleicht wollen es die Künstler selbst nicht so genau wissen, was sie so da mit aller Macht und an so vielen Fäden nach Italien zieht. Womöglich ist es etwas ähnlich Unwiderstehliches wie die blaue Blume, die schon die Romantiker in Bewegung setzte, Eichendorffs Taugenichts zum Beispiel, den es auch nach Italien trieb.
Pikant scheint in diesem Zusammenhang die Tatsache, und damit möchte ich zum Schluss kommen, dass es ausgerechnet zwei Deutsche waren, die 1826 die blaue Grotte auf Capri entdeckten: zwei deutsche Künstler, um genau zu sein: Der Dichter August Kopisch, der die berühmten "Kölner Heinzelmännchen" erfand, und der Maler Ernst Fries. Furchtlos schwammen sie in die als "Teufelshöhle" verrufene Grotte hinein und sorgten für ein touristisches Weltwunder. 2000 Touristen besuchen seither in den Sommermonaten täglich die Grotte. Da die Italiener sich nicht so gerne mit der Tatsache abfinden wollten, dass ausgerechnet Deutsche die Blaue Grotte gefunden hatten, wurde das Datum ihres Fundes vier Jahre vordatiert und in einer regierungsamtlichen Stellungnahme ein Capri-Fischer zum Entdecker erklärt. Vielleicht haben sich ja die Deutschen mit dem von Rudi Schuricke gesungenen Capri-Schlager aus den Zeiten des Wirtschaftswunders für diese Unterschlagung gerächt, wer weiß.



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