/ Galerie Altes Rathaus Wörth
Brigitte Sommer: "Limonenbriefe"
Malerei
02.11.08 bis 14.12.08
Brigitte Sommer
Brigitte Sommer: "Limonenbrief an S"

Einführung von Dr. Matthias Brück

Mit Liebe und Zärtlichkeit hatte das Erfinden der Limonenbriefe herzlich wenig zu tun. Es war die Zeit, als der grimmige Oliver Cromwell nicht nur blutige Schlachten schlug, sondern auch alles, was sich zum katholischen Herrscher Karl I. bekannte, erbarmungslos verfolgen ließ. Da kam die Klärissin Maria Ward - fast ein weiblicher Vorfahr von James Bond - auf die geniale Idee, einen konspirativen Schriftverkehr ins Leben zu rufen. Geschrieben mit Limonensaft, konnte man die Mitteilungen durch Erwärmen sichtbar machen - dann verschwanden die Buchstaben wieder auf wundersame Weise.

Brigitte Sommer hat nun, unabhängig von dieser schaurigen Vergangenheit, die Limonenbriefe auf ein ewig ungelöstes Phänomen, die Liebe, in einem umgreifenden Sinne angewandt - nur, ohne den Inhalt ihrer Exponate gleich wieder verschwinden zu lassen. Es scheint, als hätte sie Momente des Sichtbarwerdens wie des Vergehens angehalten, hätte die geheimen Botschaften teilentschlüsselt, um den Betrachter anzuregen, diese Andeutungen weiter zu lesen.

Immer wieder tauchen fein konturierte Gesichter oder Körper-Fragmente auf. Verhalten, fast scheu tasten sie sich aus dem Untergrund hervor. Und der ist durchweg Grün, in den mannigfaltigsten Tönen und Schattierungen gehalten. Was Wunder, ist doch Grün die Farbe der Hoffnung - und ohne die wird jegliche Liebe, jeglicher Liebesbrief bekanntlich gegenstandslos!

Es sei denn, sie wäre nur ein Resultat biochemischer Prozesse oder abhängig von einem bestimmten Gen, wie es manche Forschungen nahe legen wollen. Dann wären die Menschen und ihre Liebeslyrik wohl über Jahrtausende einer "List der Natur" aufgesessen. So auch die Gedichte, die diese Künstlerin wie Schmuggelware bisweilen in ihren Exponaten versteckt hat.

Zum Beispiel "Leise sagen" von Else Lasker-Schüler:

"Du nahmst Dir alle Sterne
Über meinem Herzen.

Meine Gedanken kräuseln sich
Ich muss tanzen.

Immer tust du das, was mich auf-
schauen lässt,
Mein Leben zu müden.

Ich kann den Abend nicht mehr
Über die Hecken tragen.

Im Spiegel der Bäche
Finde ich mein Bild nicht mehr.

Dem Erzengel hast du
die schwebenden Augen gestohlen.

Aber ich nasche vom Seim
Ihrer Bläue.

Mein Herz geht langsamer unter
Ich weiß nicht wo -

Vielleicht in deiner Hand.
Überall greift sie an mein Gewebe."


Nur ein Beispiel dessen, was sich alles in diesen Limonenbriefen verbergen kann. Selbst Barcodes kommen ab und zu ins Bild, nicht als Träger eines elektronischen Kassensystems, vielmehr als Symbole geheimer Nachrichten in moderner Zeit. Und Brigitte Sommer wäre nicht Brigitte Sommer, wenn sie nicht diese Geheimnisse, diese Verschlüsselungen, besonders absichern würde: deshalb die "Limonenwächter", Garanten der Sicherheit, die auch früher schon die legendären "Gärten" der Künstlerin bewacht haben. Und wenn immer wieder goldene und rote Schalen ins Bild rücken, dann scheinen sie Kostbares zu bewahren - Liebe, Zuneigung, Vertrautes, Emotionales. Es gibt noch weitere geheimnisvolle Quellen: Sie entdecken sie in den Kästen beziehungsweise in kleinen Büchern, die liebevoll mit roten Bändchen verpackt wurden. Ohne die konkreten Inhalte zu verraten, sie verbergen, beschützen vorerst eine Fülle malerischer Feinheiten und Reflexionen.

Nun ja, heute will ich Sie nicht auf die Möglichkeiten eines Ankaufs hinweisen - es könnte die Stimmung dieser Ausstellung nur stören!

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