Landkreis S├╝dwestpfalz / Kreisgalerie Dahn
 
Dr. Claudia Gross-Roath und Sigrid Piepenbrink: "SiPi und DUZA"
12.02.06 bis 12.03.06

Einführung von Brigitte Schulz-Berg

"Die Frau liebt im allgemeinen die Künste nicht,
versteht sich auf keine einzige, und an Genie
fehlt es ihr ganz und gar. (...)
Sie kann sich Wissenschaft, Gelehrsamkeit und
alle Talente erwerben, die sich durch Mühe und
Arbeit erwerben lassen. Aber jenes himmlische
Feuer, welches die Seele erhitzt und entflammt,
jenes um sich greifende, verzehrende Genie,
jene brennende Beredsamkeit, jene erhabene
Begeisterung, die ihr Entzücken dem Innersten
unseres Herzens mitteilt, wird (...) stets fehlen."

[Rousseau, Jean-J. : Schriften Bd. I, S. 439, hrsg. H. Ritter, München 1978]

So schrieb der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau in einem Brief an seinen Freund d’Alembert - und in seinem Erziehungsroman Emile konstatiert er gar:

"Ihre Sache/nämlich die der Frauen/ist es,
die Prinzipien anzuwenden, die der Mann
gefunden hat."

[Rousseau, Jean-J.: Emile, S. 420, übers. L. Schmidts, Paderborn 1978]


Wir sind heute hier, um die Kunst gleich zweier Frauen vorzustellen. Obwohl vom Alter her einige Jahre auseinander liegend, auch vom erlernten Beruf her mit ganz verschiedenen Werdegängen - beide sind übrigens Autodidaktinnen - ist beiden gemein die Bejahung und bewusste Auswicklung des genuin Weiblichen in ihrem künstlerischen Tun.

Wohlwollend mag man Rousseau zugestehen, dass sowohl Sigrid Piepenbrink (SiPi) als auch DUZA (Claudia Gross-Roath) vom rein Handwerklichen, von Seiten der techne, wie die alten Griechen sagen würden, der Technik also, den von Männern gefundenen Prinzipien folgen. Nur, welches sind die von Männern gefundenen Prinzipien? Eine müßige Frage. Wir sehen jedenfalls Fertigkeit und Versiertheit in den Werken beider Frauen.

Aber betrachten wir die ausgestellten Bilder einmal genauer: Werke von SiPi bestechen durch warme Erdfarben, wirken ruhig und ausbalanciert. Nichts Lärmendes ist ihnen eigen. Ihr Thema ist die leise Gelassenheit der Natur, deren Schönheit sich noch im Vergehensprozess zu neuer Schönheit zu entfalten vermag.

Starkes, saugfähiges, vielfach gefaltetes Papier zusammen mit rostenden Gegenständen in Gefäßen für Monate in den Garten gelegt, verwandelt sich zu einem neuen Ausdruck von Natur, in dem nichts verloren gegangen ist: Aus der These Papier und Metall und der Antithese Witterung ist in einem langen Reifungsprozess schließlich gleichsam wie Phönix aus der Asche die Synthese aus den einzelnen Elementen geworden. Die Urfassung des Bildes.

Das lange Zuwarten und das geduldige, monatelange, erwartungsvolle Ertragen der Spannung bis zu dem Moment, in dem das Papier endlich entfaltet und getrocknet werden kann und zum ersten Mal sein Gesicht zeigt, ist durchaus mit der Geduld vergleichbar, die aufgebracht werden muss, bis wir Frauen nach neun Monaten zum ersten Mal unser Kind in den Armen halten und betrachten dürfen.
Die damit verbundene Erfahrung selbst Natur zu sein, auch die Erfahrung Naturprozesse vertrauensvoll zulassen zu können und sich von Natur als Wunder faszinieren zu lassen, haben SiPi in die Lage versetzt, sich den Urfassungen der uns nun vorliegenden bearbeiteten Blätter in besonders sensibler Weise zu nähern.

Schon der Verzicht auf Betitelung ihrer Bilder bzw. die Beschränkung auf eine rein formale Angabe wie bei der Serie der neun kleinen Bilder mit "9X9", verweist auf Respekt und Achtung vor der Kraft der Natur. Diese abstrakten Bilder - selbst vermeintlich gegenständliche Elemente sind Produkte des natürlichen Entstehungsprozesses - könnte man nicht malen. Die Künstlerin nimmt sich also einerseits zunächst zurück, unterwirft sich jedoch nicht, ist nicht nur Werkzeug der Natur.

Sie emanzipiert sich andererseits auf ganz eigene Art. Auch darauf deutet "9X9" hin. Die mathematische Formel zeigt an, dass hier menschlicher Geist, logos, sich des Werks der Natur bemächtigt hat. In der Tradition griechischer Zahlensymbolik steht die Neun übrigens für logos. Sie ist die dreifache Triade , "3X3", und bedeutet Vollendung, Erfüllung und das Ganze. Das wiederum drückt sich auch in der Form der Bilder-Gruppe aus. Es sind neun Bilder mit je neun Einzelfeldern.

Erst durch Bearbeitung einiger Stellen mit Wachs und durch das Weglassen von Wachs an anderen Stellen, werden Akzente gesetzt. Es finden so Hervorhebungen und Vernachlässigungen statt. Es entsteht der Eindruck von Vorder- und Hintergrund. Das Tätigwerden des menschlichen logos an der Natur wird so zum Dialog zwischen Künstlerin und Natur. Ferner wird durch diese Art der Bearbeitung aber auch das Augenmerk des Betrachters von der Künstlerin gelenkt und geführt. Sie fordert in einem weiteren Schritt den Betrachter zum Gespräch auf. - "Über die Schönheit", wie sie sagt.

Als Verständigungshilfe nimmt SiPi dabei den Betrachter mit der Präsentation der Bilderserie "secrets" sozusagen an die Hand. "secrets" stellen Vorstufen von "9X9" dar, wirken wie Collagen, die auf der Stufe von These und Antithese stehen geblieben sind. Deshalb wurden auch die Drähte, die über das Papier gelegt sind, nicht entfernt. Die Serie "secrets" sollte vor der Gruppe "9X9" angeschaut werden.

"Kunst ist Kommunikation", sagte mir auch einmal der pfälzische Maler Jochen Dewerth in einem Gespräch. In eben diesem Sinne möchte auch DUZA verstanden werden.

Die Frau als Künstlerin? "Ja!", sagt sie und als wollte sie auf Rousseau antworten, bedient sie sich eines alten Mittels, das den Literaturkenner an Nathaniel Hawthornes Romanheldin Hester in "Der scharlachrote Buchstabe" erinnern mag: Als Hester zum Zeichen ihrer vermeintlichen Schande ein rotes "A" (engl. adultery Ehebruch) auf ihrem Gewand tragen muss, geht sie hin und umstickt den Buchstaben.

DUZAs sublimer Protest zeigt sich schon in der Wahl ihres Handwerkzeuges. Neben Papier sind es Schere, Nadel und Faden. Weibliches Gerät.

Ihre Kunst ist die des Scherenschnitts. Seit der Romantik populär, aber als Schattenriss und Silhouettenschnitt bereits Jahrtausende alt [vgl. Habermas, Bovenschen u.a., Gespräche mit Marcuse, Frankfurt/Main 1970, S. 2-11] steht diese Kunst bei vielen immer noch in dem Ruf des bloßen Kunsthandwerkes und gilt als Beschäftigung für Damen.

Für DUZA sind der Silhouettenschnitt, bisweilen auch die Silhouette genäht oder gemalt, ebenso der Faltschnitt adäquate Ausdrucksmittel, da sie damit Kontur und Form gebend Akzente setzen und auf ihre Weise den Betrachter ihrer Bilder zum Gespräch einladen kann.

Wie SiPi arbeitet auch DUZA dabei mit den Mitteln des Hervorhebens und der Vernachlässigung. Auch sie lenkt den Blick auf das ihr Wesentliche. Ihr Thema sind Frauen, genauer gesagt Frauentypen. Betrachtet man DUZAs Bilder als Ganzes, erscheinen sie wie ein Katalog weiblicher Gesten, gemacht von und für unsere heutige Medien gesteuerte Konsum- und Fun-Gesellschaft. Tatsächlich dienen DUZA posierende Frauen aus der Werbung häufig als Anfangsvorlage. Diese Frauen präsentieren sich als Verkaufsanreiz für eine Ware oder bieten gar sich selbst an.

Verwirrend im Doppelsinne des Wortes sind noch die gemalten, an ältere Techniken DUZAs erinnernden Puzzle-Bilder. Das englische Wort puzzle bedeutet ursprünglich verwirren. Wie ist die Frau? So oder so? Wie versteht sie sich selbst? Wie will sie verstanden werden? Der Wechsel von Schwarz und Weiß in der Farbgebung und die Segmentierung in Puzzle-Teile verstärken hier den Eindruck des Wendens und Drehens.

Eindeutiger, fordernder, vor allem aber lauter und kompromissloser in der Aussage sind dann die eigentlichen Scherenschnittarbeiten. Der Eindruck des Lauten wird unterstrichen durch Textelemente wie without disturbing gentle dreaming (Ohne schöne, angenehme Träume zu stören), die größtenteils aus Popsongs stammen und den Bildern an Stelle von Namen hinzugefügt sind. Bild und Text korrespondieren auf oft ironische Weise, führen einander bisweilen sogar ad absurdum.

Besonders die sehr selbstbewusst, geradezu unseriös wirkenden Pistolen oder Gewehre tragenden Superfrauen in Schwarz-Weiß-Technik äußerst filigran gearbeitet, erregen das Gemüt des Betrachters. Die Beschränkung auf die beiden Farben Schwarz und Weiß mag als Hinweis verstanden werden, wie undifferenziert schwarz oder weiß das Frauenbild in der Medienwelt unserer Zeit dargestellt wird.

Zum einen geizen die dargestellten Frauen durchaus nicht mit ihren Reizen, zum anderen drückt aber ihre ganze Körperhaltung Verweigerung gegenüber dem männlichen Herrschaftsanspruch aus. Auch in der Kleidung finden wir Momente dieser Verweigerung: Der zarte Flaum um die die Knöchel umschließenden Stiefel etwa, steht für Weichheit und Anschmiegsamkeit. In Kombination mit dem Stiefel, mit dem frau auch treten könnte, wird er zur ernsten Warnung. Unverhohlen aggressiv verdeutlicht das die in der Hand getragenen Waffe.

DUZA protestiert mit diesen Bildern gegen den Anspruch von Männern, für die Herbert Marcuse Stimme ist. Marcuse, Theoretiker der Studentenbewegung von 1968, gesteht in einem Gespräch mit Peter Furth [vgl. Habermas, Bovenschen u.a., Gespräche mit Marcuse, Frankfurt/Main 1970, S. 2-11] seine Furcht ein um die Verfügbarkeit der Frau in der bestehenden Gesellschaft, wörtlich, er fürchtet um ihre "Lustfähigkeit" zu Hause, wenn sie am öffentlichen Arbeitsprozess teilnimmt.

DUZAs "Archiv der Rhetorik des Weiblichen", wie sie ihre Arbeiten einmal selbst nannte, erschöpft sich aber nun keineswegs in der Darstellung dieser Seite der Frau und lässt sich auch nicht darauf beschränken.

Sehen wir uns ein an Marilyn Monroe und die 1950er Jahre erinnerndes Bild genauer an. Dargestellt ist ein sich mit allen Reizen präsentierendes, lockendes Weibchen. Die Arme in ermutigender Gebärde und der Körper gewunden, steht sie da und könnte genau so gut in gleicher Haltung auf einem Bett liegen.

Das Material, das die Künstlerin für diese Darstellung gewählt hat, ist sehr weiblich, sehr zart: feines Japan-Papier, feines Garn, das nicht nur die beiden Papierschichten verbindet, sondern auch Teile der Kleidung der Frau hervorhebt. Ebenfalls besonders fein ist der Einsatz der Schere. In der Technik des "umgekehrten Scherenschnitts", der nämlich im Inneren der Figur alles, was nicht gesehen werden soll, wegnimmt, gearbeitet, gelingt es eine Seite der Frau, die sowohl Kind-Frau als auch femme fatale ist, herauszustellen. Sie versteckt ihr Innerstes hinter einer Hülle.

Diese Frau wird nicht beherrscht, diese Frau übt Herrschaft aus. Es ist dies die Macht hinter dem Schleier scheinbarer Anpassung.





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Dr. Claudia Gross-Roath
Dr. Claudia Gross-Roath
SiPi und DUZA
Sigrid Piepenbrink