Landkreis SĂĽdwestpfalz / Kreisgalerie Dahn
 
Helga Boebel und Silvia Mielke
04.09.05 bis 02.10.05

Einführung von Lutz Stehl

Wer einen der Farbholzschnitte von Helga Boebel genauer betrachtet, der wird feststellen, dass er eine figurative Referenz auf ein grafisches Werkzeug enthält, von dem sich Helga Boebel auf gewisse Weise, ich nehme an, für länger verabschiedet hat, obwohl es ihr, die ihrem Material mit scharfen Schnitten zu Leibe rücken muss, immer noch gemäß sein mag: nämlich eine mit Tusche eingezeichnete spitze Feder, mit deren Symmetrie sie indessen schon ein formalistisches Spiel treibt.

Allein dieses im Verhau der Farbspuren sichtbare figürliche Relikt verrät ihre Neigung zur neugierigen, immer experimentierfreudigen Variation inmitten von Reihung und serieller Addition. Gleichzeitig erprobt sie an diesem in Dahn ausgestellten relativ frühen Blatt aber auch die einfallsreiche Zerstörung von eindeutigen Mustern und Profilen, deren Abdruck sie korrigiert. Sie durchkreuzt die Spuren und Fährten, legt neue darüber, überlagert das ursprüngliche Farb- und Formenschema mit neuen Schemata, tilgt, unterdrückt das Alte oder oder aber hebt längst Gesperrtes oder Versunkenes und Versickertes aus dem Farbmagma oder der unter neutraler Oberfläche gärenden Tiefe des Blattes wieder hervor, ruft es gewissermaßen seismologisch wach.

Nicht umsonst stellt die figürliche Reminiszenz dieses grafischen Instruments im Gesamtbild eine an den Bildrand gerückte Marginalie dar. Aber sie erinnert an Helga Boebels frühe Erprobung der Radierung. Und sie korrespondiert mit einer sonst diskret verschwiegenen Enthüllung des Grundes, auf den Helga Boebel druckt. Dieser Bildgrund, dessen Wahl Helga Boebel ebenfalls mit großer Entdeckerfreude zu betreiben scheint, ist schlichtes Zeitungspapier: ich meine u.a. das Druckbild der Neuen Zürcher oder einer alten FAZ erkannt zu haben. Auf einer Insel, den der Druck auf dem Grund stehen gelassen hat, ist eine literarische Rezension zu lesen, in deren Überschrift sich die Zeile findet "Zurück zu den mystischen Quellen" und darunter die noch schönere Selbstaussage des rezensierten Dichters - mir scheint, es handelt sich um das unus et idem oder alter ego des Türken Bülent Ecevit; jedenfalls sagt der beinahe Überdruckte: "Ich meißelte Licht".

Das trifft gewissermaßen als Selbstkommentar auf die Arbeiten von Helga Boebel zu: Sie zieht ins Licht Spuren. Sie schafft einerseits im "unmöblierten" Licht eine Welt der Linien und durch scharfe Konturlinien bezeichneten Formen - und so reduziert sie nach und nach das eine reine Licht des Blattes, sperrt es progressiv aus und vergittert es, um dann andererseits hinter allen Vergitterungen, Sperrungen, Verstrebungen, Kreuzungen, Kanten, Formspaltungen und Brüchen, Splitterungen immer nur das eine wieder zu suchen: das in der Tiefe vergitterte Licht, das die Farbe speist und durchtränkt. Und zwar mit solcher Unbeirrtheit und wortwörtlich penetranter Leuchtkraft, dass diesem Farblicht ein außerhalb des Bilds wartendes Licht antwortet und sich mit ihm zusammentut.

Ich denke, ich tue Helga Boebel nicht Unrecht, wenn ich das Prozessuale ihrer Arbeit betone, das Werken, Annehmen, Aufnehmen und Verwerfen, das Neubeginnen: eine der vielen Kunstübungen Penelopes: Weben, Kochkunst - eine der Alchimie verwandte Scheidung des Feinen vom Groben und des noch Feineren vom Feinen.

Sollte der Zufallsfund in Helga Boebels Bild "Ich meißelte Licht" die traumwandlerische Sicherheit des Zufalls bestätigen, der keiner ist, soweit er von der Anmut der "Seelen-Verwandtschaft" mit der Lichtvermehrung in undurchschaubaren Verhältnissen getragen ist? Sollte der Ausspruch "Ich meißelte Licht" sozusagen das Geschenk eines nicht mit Absicht gesuchten, sondern bereits vorhandenen Selbstkommentars zu ihren Arbeiten sein?

Außerdem lenken diese Arbeit und alle älteren und neueren Arbeiten von Helga Boebel den Blick auf deren Verwandtschaft mit Letter-, Buchstaben-, und Schriftbildern.

In der Tat erinnern Helga Boebels Arbeiten formal an die von den vorderasiatischen Hochkulturen entwickelten Schriften, insbesondere an babylonische Keilschriften. Gemäß der Affinität von Helga Boebel zu "Steigen und Fallen" von Formen und Linien im Bild ist ein neuer inhaltlicher Ansatz hinzugekommen: der der Individualisierung von einer privilegierten Form, die dem genau Betrachtenden oder dem "Leser" ihrer Farbholzschnitte groß und zaghaft, dennoch unübersehbar auf dem Grund der darunter liegenden Drucke erscheint: Man nehme nur eines ihrer großformatigen Bilder, jene aufwändig gestalteten Additionen von Drucken, auf denen die Konfrontation einer aus der Akkumulation und linearen Reihung von anonymen Figuren befreiten Gestalt stattfindet - eine Häufung und Reihung, aus der sich die Gestalt gelöst hat, ohne ihre formale und strukturelle Verwandtschaft mit den im "Ameisenstaat" Verbliebenen ganz aufzugeben.

Vielleicht ist dies eine neue Akzentuierung von Helga Boebels ganz eigener Rückkehr zu mystischen Quellen, wenn sie sich einer Technik bedient, die viele Gemeinsamkeiten mit archaischer Beschriftung hat und einen unter unzähligen Schriften verborgenen Urtext des Lebens vermittelt, der aus den Palimpsesten ihrer Linol- und Holzschnitte aufsteigt.

Silvia Mielke hat das Angebot einer biografisch im wahrsten Sinn des Wortes nahe liegenden Wiederverwertung angenommen und dabei das Ausgangsmaterial bis zur Unkenntlichkeit buchstäblich aufgebraucht, seiner ursprünglichen Funktion gründlich entledigt und dadurch zu etwas ganz Neuem gemacht: Dieses Material darf in ihren Arbeiten eine Art Auferstehung feiern, es hat sich dort mit Sinn aufgeladen, wo es bisher nur instrumental definiert war.

Bei näherer Betrachtung wird der Betrachter feststellen, dass Silvia Mielke Telefonbücher so verarbeitet hat, dass nur noch ihre plastischen und optischen, mitunter auch koloristischen Qualitäten in Erscheinung treten.

Sie hat dabei alle Eigenschaften ihres Werkstoffs genutzt, ohne sie vorzuführen: Er lässt sich reißen, schneiden und wieder zusammenkleben, er lässt sich schichten und stapeln und erlaubt dabei Richtungsänderungen, was beim beträchtlichen Volumen auch noch der Fragmente zu großer plastischer Wirkung führt. Er lässt sich wunderbar auffächern und aufblättern und dann wieder in bestimmten Positionen verfestigen, er lässt sich tarnen.

Nur wenig fehlt: Und er offenbart seine vergessene Herkunft aus Holz und irgendwann einmal aus Holz entstandenen Papieren. Er lässt sich mühelos übermalen oder so verarbeiten, dass seine Zutaten des Aufdrucks von millionenfacher Information nur noch koloristisch in Grauwerten in Erscheinung treten, aber mit der verräterischen Zutat des für sein Gelb und den neutralen Sand- oder Beigeton seiner Seiten vertrauten Telefonbuchs.

Und all das bei einem Werkstoff, der - last but not least - in ungeheuren Mengen vorrätig ist und wohl so bald nicht ausgehen wird. Keine Energiekrise bei Silvia Mielke! Plötzlich wird so das Telefonbuch, das ja nie ein Buch wie alle anderen war, das ganz ohne den kulturellen Anspruch der Selbstverständigung des Lesers mit sich und der Verständigung mit dem noch größeren Buch der Welt auskam, plötzlich wird es zu eben etwas Besonderem. Man liest es jetzt erst mit neuen Augen, es wird zum Objekt der Anschauung, der Meditation und des Nachdenkens. Seine ganz in Pragmatismus aufgelöste Funktion der Ermöglichung, der Anbahnung und Erleichterung von Kommunikation, der ja die Möglichkeit des Scheiterns, des Fehlers inhärent ist, ist von Silvia Mielke ad absurdum geführt worden. Jetzt bietet es als Teil eines Kunstwerks eine ganz andere Form von Kommunikation an - man kann es als Vanitas-Objekt lesen, das ironisch die Vergeblichkeit und die Eitelkeit von Kommunikation zitiert: Kommunikation, die ja von Eitelkeiten, von Floskeln, von Selbstdarstellung und der Produktion von schmeichelhaften Selbst- und meist weniger schmeichelhaften, immerhin human verfeinerbaren Fremdbildern lebt.

Mir fällt vor Silvia Mielkes Arbeiten immer die schöne Szene aus Steven Spielbergs Außerirdischen-Film E.T. ein, in der das nur biomorph mit dem Mensch verwandte, aber vorbildlich menschliche Wesen die überlangen Knopf- und Saugfinger seiner Hand gegen den Himmel reckt und mit sphärentongesättigter Telefonierstimme den Wunsch äußert "Nach Hause telefonieren!"

In Silvia Mielkes kompakten, schweren, aus Massen von Telefonbüchern kompilierten Arbeiten tönt es, wenn man ihrer Stille genau zuhört, noch von Abertausenden von Rufen, Anrufen, Rückrufen, Widerrufen, von Bitten und Fragen, von Seufzern und Lachen und Pausenzeichen.

Und damit hat sich etwas Transitorisches, etwas ganz an Zeit Gebundenes verfestigt, ist in Dauer überführt worden. Und in dieser Anstrengung des Etwas-dauerhaft-Machens, etwas sichern, etwas in Standhaftigkeit versetzen, meine ich, die Silvia Mielke ganz eigene Kunstanstrengung zu erkennen.

Aus etwas ursprünglich gänzlich Mobilem, aus etwas, das als Instrument nur Fragment, Partikel war, macht sie eine Immobilie an der Wand oder am Boden.

Reduzierte, nüchterne Farbigkeit, Sachlichkeit fürs Auge korrespondiert mit dieser sehr körperhaften und haptischen Kunst, die sich ansonsten "nur" auf Komposition und Distribution ihrer Elemente verlässt.

Vielleicht hat Silvia Mielke ja auch nur dank einer schon früh entwickelten plastischen Kompetenz im Telefonbuch ein schönes rechtwinkliges Objekt gesehen, dauerhaft gesehen, so wie alle ihre anderen Arbeiten den Grundwert der Dauer in einem großen Spannungsgefüge "anrufen".





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