Landkreis Südwestpfalz / Kreisgalerie Dahn
 
Martin Eckrich: "Berührungen"
18.03.07 bis 15.04.07

Einführung von Beate Steigner-Kukatzki

Für jemanden, der zum ersten Mal der Kunst Martin Eckrichs gegenübersteht, kann es ganz schön erschlagend sein. Martin Eckrichs Kunst ist anders, ist neu und außerordentlich vielschichtig. Jetzt bietet er hier in Dahn auch noch das volle Programm. Er zeigt Bilder, Objekte, eine Installation und tritt noch mit seiner Performancegruppe auf, als deren Hauptakteur er selbst agiert. Aber dass er ein umfassendes Repertoire bietet, bietet ja auch eine Chance - ihn besser kennen zu lernen. Und dies ist gut möglich, da bei ihm die unterschiedlichen Kunstsparten alle miteinander verflochten sind. Thematisch gibt es Überschneidungen und auch die Performance bezieht sich unmittelbar auf die Installation.

Doch zunächst einige biografische Angaben: Martin Eckrich wurde 1963 in Kaiserslautern geboren, aufgewachsen ist er in Schifferstadt, wo er heute wieder lebt. Nach dem Besuch der Rödelkunstschule in Mannheim studierte er von 1983 bis 1989 an der Hochschule der Bildenden Künste in München an. Bereits im ersten Jahr experimentierte er mit Performances, die er später und auch heute häufig im Zusammenhang mit den Rauminstallationen konzipierte. Er schloss das Studium mit dem Diplom für Kultraumgestaltung bei Prof. Franz Weißhaar in München ab.

Ungläubiges fragendes Staunen erntet man, wenn man Martin Eckrich nach dem Thema "Tod" in seinen Arbeiten fragt. Wieso irritiert ihn diese Frage? Ist doch der Tod allgegenwärtig in all seinen Arbeiten. Ständig trifft man auf Symbole der Vergänglichkeit - und wenn es nur eine verkohlte, verbrannte Stelle im Papier ist.

Eckrich lässt eine solch isolierte Frage nicht zu, weil er den Tod nie isoliert und abgegrenzt vom Leben wahrnimmt und darstellt. Betrachtet man seine Kunst in den letzten Jahren, stellt man fest, dass er sich treu ist: treu in seiner konsequenten Haltung, in seiner Denkweise, in seinem einheitlichen Denken. Tod ist nicht ohne Leben denkbar und er bedeutet keineswegs das Ende. Er ist eingebettet in einen immerwährenden Kreislauf: "Autopilot", so der Titel der Installation.

"Berührungen" lautet der Titel der Ausstellung. Berührung ist nicht nur zärtliche Annäherung. Es kann auch Gefahr bedeuten - im Schnelligkeitsrausch riskierte Todesgefahr. "Die Vernunft weicht dem Trieb der schnellen Fortbewegung", sagt er dazu und kritisiert den leichtsinnigen Umgang mit der Natur und mit der Zukunft unserer Kinder. Eckrich sieht in der alten Seifenkiste, in diesem wunderschönen Tretauto, einen Schrei nach der Kindheit und nach der Technik. Er klagt den kindischen Egoismus derer an, die nicht erwachsen werden wollen - die Bewegungsrichtung im Schwung nach oben, ein ästhetischer Bewegungsrausch, fast zu schön für Eckrichs herbe Kritik.

Obwohl: Die Wahl seiner Materialien entzieht sich gängigen ästhetischen Vorstellungen. Er verzichtet oft auf traditionelle klassische Materialien, auf gewohnt Schönes und schafft eine ihm ganz eigene Poesie. Er verwendet Ausgedientes, nicht mehr Funktionierendes und plant Gebrauchspuren mit ein, die oft auch biografischen Charakter besitzen. Die Dinge tragen eine Geschichte mit sich. Er sichert sie als Spuren des Lebens. Zudem sind sie Mahnmal der Wegwerfgesellschaft.

Reduziert in den Mitteln konzentriert er sich beim "Autopilot" auf wenige Materialien. Leicht, fast filigran wirkt die monumentale Skulptur. Er vermag es, Linien im Raum zu setzen - dreidimensional zu zeichnen. Seine Kunst wird leicht, hebt ab, strebt gegen den Himmel. Ähnlich den gotischen Kathedralen verweist er mit der Bewegungsrichtung zum Himmel, auf das Jenseits. Hier sehen wir nun eine recht kleine Installation. Seine größte Arbeit war bisher die Ausgestaltung des "Alten Stadtsaales" mit der Installation "der Irrweg", bei der viele Einzelwerke nicht nur inhaltlich, auch formal mit Wegen und Brücken verbunden waren.

Inhaltlich verbunden sind auch Eckrichs andere Kunstsparten. Die grob gesägten Holzskulpturen, von denen er einige zum Thema Berührungen ausgesucht hat, sind rau in der Oberfläche, kantig mit der Kettensäge herausgearbeitet, nicht glatt poliert und flüchtig matt bemalt - aber genauso inniglich und oft zärtlich wie die Tonarbeiten.

Vorwiegend sind es Menschen - Büsten, lang gestreckte Figuren oder auch Paare, die er in Holz gestaltet. Expressiv ist die splitternde Oberfläche, manchmal lässt er Baumrinde als schützende Kleidung stehen. Der Gesamteindruck ist nie grob. Er nimmt den Menschen als Ganzes wahr und trifft immer auch die Seele. Er isoliert keine Einzelgefühle oder Zustände aus dem Zusammenhang. Deshalb sind z.B. auch seine erotischen Darstellungen so spannend. Eckrich geht in direkter Weise auf Elemente ein. Mit Feuer schwärzt er, Erde vermalt er. Feuer steht für Energie, Wärme und symbolisiert die Umwandlung von Irdischem zu Göttlichem.

Die Serie der Musiker sind großformatige Gemälde in monochromen Farben - Beispiele hängen. Heftig ist der Farbauftrag, wild lebhaft und doch ist der Gesichtsausdruck ruhig. Es sind Porträts mit hohem Wiedererkennungswert entstanden. Spannung entsteht in diesen Gemälden durch einen gekonnten Ausgleich zwischen Zeichnung und Malerei. Eckrich verknüpft in dieser Serie beide genial.

"Berührung über die Zeit hinaus" stempelt er auf seine neueste Serie übermalter Fotocollagen. "Wanderung durch das Vergängliche" gab es mal als Motto. Aber dieser neue Satz gefällt mir sehr gut. Er verweist auf Eckrichs Gefühlswelt. Mit der Formulierung "über die Zeit hinaus" beschreibt er poetisch seinen künstlerischen Ansatz. Nie greift er punktuell eine Situation heraus, um sie vom vorher und nachher abzugrenzen.

Er übermalt Fotos und Abbildungen aus der ägyptischen Archäologie, Bilder religiöser Volkskunst, x-fach reproduzierte religiöse Abbildungen und in ganz neuen Arbeiten stehen fotografierte Tiere stellvertretend für die Natur. Und ebenfalls neu sind Fotos, die bei Performances entstanden. Er fügt sie ein in eine expressive Malerei, die durch klare Formen gebändigt ist. Symbolische Formen wie das Dreieck geben oft einen Rahmen. Mit einer Mandorla, die traditionell in der religiösen Kunst verwendet wurde, umfängt er Situationen. Er nimmt Formen im Foto auf, um sie malerisch zu wiederholen oder um sie mit Farbe über den Rand hinaus zu erweitern.

In einigen Fotos experimentierte er mit Schatten. Manchmal bleiben nur noch Schatten stehen und zeugen von menschlicher Existenz. Zudem erweitert er die Schatten, indem er sie malerisch ergänzt und damit eine enge Verbindung innerhalb der verschiedenen Collageelemente schafft. Diese sind durch Schrift und Gedankenfetzen ergänzt. Bei der Performance kommt noch Sprache hinzu: Martin Eckrich kann dabei toben, wüten, rennen, schreien, flüstern und singen. Es ist poetische Anbetung, böses Anklagen und schamanisches Beschwören zugleich. Er bildet eine berauschende Einheit mit seiner Handlung - hat aber immer einen würdevollen distanzierten Respekt zu ihr.





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Martin Eckrich
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