Landkreis S├╝dwestpfalz / Kreisgalerie Dahn
 
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Matthias Strugalla: "Neue Arbeiten auf Papier"
Zeichnung, Malerei
18.09.11 bis 16.10.11

Vernissage am 18.09.11 um 11.00 Uhr

Zeichnen als sinnliches Vergnügen und künstlerische Notwendigkeit, meist ausschließlich in allen schwarz-weiß-Variationen mit Graphitstiften, verdünnten Tuschen und ein wenig Acrylfarbe zwischen gesehener/reproduzierter und erfundener/empfundener Wirklichkeit.


Einführung von Matthias Strugalla

"Maler male!" - Martin Kippenberger, Maler und Enfant terrible der deutschen Kunst der 80er und 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. In Abwandlung zu Kippenberger lässt sich auch sagen: "Zeichner zeichne!" Was damit gemeint ist? Künstler halt' die Klappe! Nicht reden sondern malen oder zeichnen oder bildhauern! Oder ein anderer prominenter Vertreter der Gegenwartskunst, Gerhard Richter: Worüber man nicht reden kann soll man schweigen, das bedeutet natürlich: malen!

Bei Richter ist der Akzent ein wenig verschoben, das geforderte Schweigen ist an Bedingungen geknüpft. Eines steht aber fest: Es gibt offenbar gute Gründe für einen Künstler den Mund zu halten, und es gibt gute Gründe ausschließlich zu malen oder zu zeichnen. Es gibt Dinge, Vorkommnisse, Ereignisse im Leben, die man nicht mit Worten darstellen kann, die zu komplex, zu widersprüchlich, zu emotional sind, die über das Pensum des Normalsterblichen hinaus gehen, denen am besten nur mit dem Stift oder Pinsel in der Hand adäquat begegnet werden kann (wenn man kann) oder mit einer wütenden oder meditativen Klavierimprovisation (wenn man kann)...
Richter spricht die speziellen Kompetenzen des Künstlers, seine künstlerisch-praktischen Fähigkeiten an, nicht die theoretischen. Denn letztlich zählen die Werke und nicht die Worte zu den Werken.

Ich werde jetzt das Diktum Martin Kippenbergers unterlaufen und (trotzdem) ein paar erläuternde Anmerkungen zu meinen hier ausgestellten Arbeiten machen.

Zur zeichnerischen Technik lässt sich nicht viel sagen. Sie sehen selbst: Ich verwende gerne Graphitstifte unterschiedlicher Stärke und Härtegrade sowie verdünnte Tusche und Acrylfarbe, die mit dem Pinsel aufgetragen werden. Manchmal darf die Tusche frei verlaufen, manchmal wird Graphitstaub verrieben, manchmal gibt es Tuscheklekse. Selten gibt es bei mir farbige Pigmente oder Farbstifte; im allgemeinen reicht mir das Schwarz-Weiß-Spektrum für das, was ich zeichnerisch sagen möchte. Hin und wieder verwende ich Nitroverdünner, der Illustriertenfotos auf mein Zeichenpapier übertragen hilft.

Auch die Bildmotive sind leicht zu entschlüsseln. Meist handelt es sich um Figuren, männliche und weibliche, oft nackt, nicht individualisiert, ohne Attribute, die eine verlässliche Interpretation ermöglichen würden (Aber da gibt es auch Ausnahmen.).
Manchmal ist eine klare Zuordnung der Figuren durchaus möglich, z.B. bei den "Tag-blättern", in denen bestimmte Politiker, Sportler oder Musiker zu identifizieren sind.

Die Mehrzahl meiner Figuren fliegen, liegen, purzeln anonymisiert über das Papierweiß; anonymisiert heißt: die Figuren sind eigentlich Prototypen, sie stehen stellvertretend für alle möglichen menschlichen Figuren; mit denen kann ich mich theoretisch oder können wir uns theoretisch identifizieren.
Aber was passiert mit diesen Figuren? Sie sitzen und liegen (das ist mir zu wenig, das ist mir zu ruhig), sie fliegen, stürzen, purzeln, rennen, kämpfen, umschlingen sich, oft taumeln sie ortlos durch die Gegend, d.h. über das Papier, durch die Welt, durch das Leben.
Und wie die Figuren als gezeichnete Zeichen nicht eigentlich greifbar sind, sind auch die Zeichnungen nicht wirklich greifbar, weder für mich, dem Produzenten, noch für Sie, die Betrachter. Das meiste bleibt also vage, sozusagen ein vager Gedanke, der aber im Gegensatz zu den üblichen flüchtigen Gedanken in der Zeichnung bildhaft festgezurrt, materialisiert ist. Damit ist der gezeichnete Gedanke überprüfbar, hinterfragbar.
Sie wollen aber keine vagen Gedanken sondern sichere, klare Antworten?
Aber, wo gibt es die denn heute, gab es sie jemals?

Wir sind, um mit den Philosophen zu reden, hinein geworfen in diese Welt, oder, um mit dem Alten Testament zu reden, aus dem Paradies vertrieben worden mit all seinen problematischen Konsequenzen. Über die großen Gefahren der Gegenwart muss hier nicht geredet werden und auch nicht über die kleinen Katastrophen des Alltags. Klare Antworten und sichere Perspektiven gibt es nur bei den Demagogen und bei den Propagandisten.
Aber da sind die Musik und die Kunst und andere schöne Dinge als kleine Inseln der Ruhe, der Besinnung, der Menschlichkeit, der Freude, des Glücks
Zurück zu den hier ausgestellten Zeichnungen.

Ich zeige also vage Gedanken, vage Gefühle, unsichere Möglichkeiten. Jede Zeichnung, jede Malerei, jedes Musikstück, jedes Buch ist eine Sache des Konjunktivs, der Möglichkeiten. Diese Gedanken in eine adäquate äußere Form zu bringen, also außen und innen zusammen zu bringen, das ist die schwierige Aufgabe des Künstlers.
Da sind Gedanken, die mit konkreten Daten der realen Außenwelt verknüpft sind, mit Ereignissen und Nachrichten von Ereignissen, die uns direkt oder indirekt tangieren. Da sind Gedanken, Projektionen und Imaginationen, die in Reflexionen münden, Reflexionen mit dem Zeichenstift. Da sind Gefühle, die berühren. Da ist eine nervöse Anspannung, die eine zeichnerische Formulierung provoziert. Da ist das Auf und Ab des Arbeitsprozesses, ein Schritt nach dem anderen. Da ist die Verschränkung einer zeichnerischen Geste mit der anderen, die zum Schluß in eine fertige Zeichnung mündet.


Links:
Strugalla Matthias (Rubrik K├ťNSTLER)


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Matthias Strugalla
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