Landkreis S├╝dwestpfalz / Kreisgalerie Dahn
 
Oliver Schollenberger
04.07.04 bis 01.08.04

Einführung von Beate Steigner-Kukatzki

"Grün kann ich nicht!", so äußerte sich Oliver Schollenberger in einem Gespräch mit mir Anfang der Woche und überzeugte mich gleichzeitig sofort vom Gegenteil. Die Ausstellung zeigt mit "I'm in Heaven" eine Arbeit in der Grüntöne dominieren. Er probiert nicht wahllos Farben aus. Vor einigen Jahren noch bewegte er sich von Zyanblau zu Ultramarinblau und allen Blaus dazwischen. Irgendwann kam Rot mit Variationen von Rosa bis Orange hinzu. Rot und Blau sind zur Zeit immer noch die von ihm am meisten verwendeten Farben. Ocker, Braun, Grün oder auch Gelb sind als Hauptfarben in seinen Arbeiten die Ausnahme.

Meist sind es Zufälle, die diese Entwicklung steuern. Möglicherweise haben ihn seine Stiere - ein großes Thema bei ihm - zum Rot geführt. Auf jeden Fall ist die Atmosphäre eines Bildes hauptsächlich von der Farbe bestimmt. Doch zunächst einige biographische Anmerkungen: Er wurde 1961 in Ludwigshafen geboren. Er studierte an der Universität in Mainz und arbeitet in Dudenhofen und Speyer, wo er als Kunsterzieher tätig ist. Für die Ausstellung hier in der Kreisgalerie hat Oliver Schollenberger einige Themen, die er durchdekliniert und von denen immer Serien, ganze Werkkomplexe entstehen, ausgewählt: Landschaften, Köpfe, Arbeiten mit Bootsformen, Musik, Tiere und Stiere.

Seine künstlerische Arbeit ist eine ständige Suche. Nie wollte er sich festlegen, entscheiden zwischen Malerei und Zeichnung. Und so was hält lebendig. Er steht nicht vor der Leinwand und hat einen fertigen Plan im Kopf. Als müsse er gesammelte Energie rauslassen, beginnt er und lässt Planung und Erfahrung vorsichtig miteinfließen. Die ständige Suche nach einem Gleichgeweicht zwischen geplanter und spontaner Aktion ist eine harte Arbeit.

Kunst balanciert immer. Würde solch eine Bewegung nicht stattfinden, bliebe sie stehen. Vibrierende Gratwanderungen machen Kunst spannend. Oliver Schollenberger balanciert in seinen Gemälden in erster Linie zwischen realistischer Abbildung und abstraktem Zeichen.
Er zeichnet sehr viel. Dabei ist der Bewegungsablauf schnell und spontan, seine flotte Linie, die er sich damit angeeignet hat, kann er problemlos auch auf seine Gemälde übertragen, die immer auch einen zeichnerischen und grafischen Charakter besitzen. Subtile, verletzliche Zeichenhaftigkeit verbindet sich mit malerischen Kraftakten oft innerhalb eines Werkes. Er mischt Acryl mit Sand und malträtiert den Maluntergrund mit Gravuren um ihn dann wieder mit weichen Kreiden oder Bleistift und Tusche mit zeichnerischen Linien quasi zusammenzufügen.

Seit jeher spielt er Elemente durch - so ist beispielsweise der Stier, inzwischen fast nur noch als Stierkopf existent, zu einem wesentlichen Faktor in seinem Oeuvre geworden. Dabei interessiert ihn die vitale Kraft des Tieres, die er gebändigt zum Symbol reduziert, in einer unglaublichen Ruhe zeigen kann. In der Arbeit "Der große Bulle von Monthureaux" war eine bestimmte Situation, eine Begegnung mit dem Tier, Anlass zu dieser Arbeit. Schollenberger gibt ihr dennoch allgemeingültigen Charakter. Es gibt schollenbergerblaue Stiere und natürlich stierblutrote. Möglich, dass er auf diesem Weg zum Rot kam.

Immer wiederkehrende Motive sind: Die Tasse, Flasche, Espressokanne, das Glas, Schiffs- und Bootsform. In den letzten Jahren kamen florale Elemente hinzu. Typisch sind stilisierte Blattformen. Klarer ausformuliert tauchen Fische auf. Der menschliche Kopf existiert parallel nebeneinander in unterschiedlichen Abstraktionsstufen. Immer ein Hinweis für den denkenden Menschen. Vom klaren Gesicht über stilisierte Masken zum reinen Oval als vieldeutbares Zeichen.

Manchmal stehen sich diese auch in einer Arbeit gegenüber. Nie sind es Porträts, nie individuelle Personen. Ist ein Fisch ein Fisch, eine Flasche eine Flasche? Oliver Schollenberger setzt sie als archaische Symbole ein. Sie geben seiner Malerei eine Form und treten deutlich hinter der freien Farbmalerei zurück. Dennoch sind sie Assoziationsträger und bringen unterschiedliche Stimmungen ins Bild. Die Bootsform lässt äußerst vielfältige Assoziationen zu. Angefangen bei Charon, dem Fährmann, der die Toten zum Hades bringt, das Boot als Verbindungselement oder einfach als romantische Idee.

Es sind heitere, leichte Verspieltheiten, aber auch melancholisch ruhige Darstellungen. Treten unterschiedliche Elemente in Konkurrenz, kann man von einer reizvollen, heiteren Melancholie sprechen. Ursprünglich begrenzte Schollenberger die Bildsegmente locker, dann folgte eine Zeit in der sie größer wurden und klarer umrissen. Dann entstanden Doppelbilder wie "Aqua naturale". Die archaischen Bildelemente verfügen darin nicht jeweils über ein eigenes Feld. Es sind mehrere überschneidend angelegt. Zudem ist bei diesem Beispiel die Schiffsform geteilt.

Oliver Schollenberger versucht seine spontane Arbeitsweise aus dem Unterbewussten fließen zu lassen und jongliert mit seinen Symbolen, indem er immer auf ein gesetztes mit einem antwortet. Er gibt mit seinen Elementen Hinweise auf das Konfliktverhältnis von Natur, Kultur und Mensch. Löst er einzelne Elemente aus dem Zusammenhang, wie in den kleinen Arbeiten, wirken sie viel direkter, er selbst bezeichnet sie als seine zeichnerischen Stempel mit heraldischem Charakter.

Einige neue Werke aus einer Serie der "hingehudelten Drecksviehcher" sind skurril, direkt und energiegeladen. Jedoch keine Energie wie bei den Stieren. Die grotesken Tierchen sind comicartig, witzig und explosiv, fast springen sie einen an. Was bei den kleinen Arbeiten eher auffällt, bei den großen Werken manchmal fast versteckt scheint, sind eingeschriebene Worte. Gedankenfetzen als grafische Zeichen eingesetzt, lockern sie die Farbmalerei auf und geben zusätzliche Hinweise auf den Inhalt, wenn er abgebildetes damit bezeichnet, oftmals in einer fremden Sprache. Wählt er englisch, dann können wir fast sicher sein, dass er Liedtitel oder Liedfragmente meint, die mit dem Malprozess zu tun haben. Da er beim Malen Musik hört, Musikuntermalung beim Malen, geben sie auch eine Stimmung wieder, die beim Entstehen seiner Werke im Atelier herrschte. Relativ neu sind collagierte CDs als Hinweis, welchen Stellenwert die Musik in seiner Arbeit hat. Der Tonträger transportiert nicht nur eine inhaltliche Botschaft, er ist auch pures kompositorisches Element.

Eingeschriebene Zeichen, Worte, ganze Sätze sind Gedankenspiele, die weiter gedacht werden können. Ähnlich den Zeichen, die durch Reduktion eine Offenheit erreichen, die nicht beliebig ist, aber allgemeingültige, sich überschneidende Möglichkeiten bietet, jongliert Schollenberger mit Sprache. Mal auf den Inhalt bezogen, mal auf seine innere Stimme hörend oder Musik integrierend, legt er bewusst keinen Wert auf Korrektheit. Er mischt munter romanische Sprachen untereinander und nimmt ihnen damit die Bestimmtheit. Entfernt damit wiederum seine Kunst vom porträthaften Abbild.

Ein ähnliches Phänomen ist in seinen Landschaften zu bemerken. In den Winterlandschaften in kristallkaltem Weiß und klirrendem Blau deutet der Horizont Landschaft an. Aber eigentlich sind es innere Blicke genährt mit purer Malerei. Nicht mehr steigerbare, in explosivem Rot sind die beiden Landschaften mit dem Titel "Rot-Orange". Ganz klar eine Reflexion innerer Befindlichkeit ist in der Landschaft mit dem Titel "Sleep allnight", ein Tagebuchblatt. Entstanden am 6. März in diesem Jahr. Schollenberger setzt wie auf einem Skizzenblatt Elemente in die komponierte Landschaft. Er greift damit eine Idee auf, die er bereits in den 80er Jahren verfolgte. Wir kennen aus dieser Zeit Radierungen, in den Croissants und Espressotassen durch die Landschaft fliegen. In dieser Arbeit geht er auf eine ernsthaftere Ebene, die sehr persönlich wirkt. Er öffnet uns sein Tagebuch. Für mich ist diese Arbeit in der Ausstellung auf jeden Fall mein Lieblingswerk. Sie müssen sich nun ihren Liebling selbst aussuchen.
 



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Schollenberger Oliver (Rubrik K├ťNSTLER)


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Oliver Schollenberger: "I'm in heaven"
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Oliver Schollenberger: "Kossa"