Seien Sie nicht überrascht, wenn ich zum Anfang Karl Jaspers, einen der wichtigsten deutschen Philosophen die Fotografien von Ulrich Oberst interpretieren lasse. Zitat: "Das Meer ist die anschauliche Gegenwart des Unendlichen. Unendlich die Wellen. Immer ist alles in Bewegung, nirgends das Feste und das Ganze in seiner fühlbaren, unendlichen Ordnung. Das Meer zu sehen, wurde für mich das Herrlichste, das es in der Natur gibt. Das Wohnen, das Geborgensein ist uns unentbehrlich und wohltuend. Aber es genügt uns nicht. Es gibt dieses andere. Das Meer ist seine leibhaftige Gegenwart. Es befreit uns im Hinausgehen über die Geborgenheit, bringt dorthin, wo zwar alle Festigkeit aufhört, wir aber nicht ins Bodenlose versinken. Wir vertrauen uns dem unendlichen Geheimnis an, dem Unabsehbaren, Chaos und Ordnung…".
Ulrich Oberst trifft in der Tat diese unterschiedlichen Facetten des Meeres mit einem pastellenen Flair, in dem der Horizont zu entgleiten scheint, wo Ursprung und Ende zusammen liegen mögen. Er lässt Sie die Dramatik der Wolken-Turbulenzen ebenso spüren wie den Segen einsamer Strände - und das, obwohl viele Fotos in Sylt, dem Prototyp touristischer Hektik, aufgenommen worden sind. Er lädt Sie gewissermaßen zu einer Anschauung des Meeres ein, zu einer Strandwanderung, die niemals langweilig wird.
Gerade im Raum nebenan dokumentiert Ulrich Oberst das, indem er in einer schier unmöglich scheinenden Vielfalt von Blau-Nuancierungen die einzelnen Stimmungen und ihren Wandel fast minutiös erfasst, dem Wechseln nachspürt und so den Betrachter zu einer vertieften Konzentration verführt. Keine Welle gleicht der anderen, Bewegung, Licht und Farben wandeln sich ständig. Man lebt mit diesem Künstler fast in reinen Elementen, fast ohne Landschaft, fast ohne Menschen. Nur bisweilen erinnern ein paar verlassene Liegestühle, einige Strandkörbe oder eine Bude an die indirekte Gegenwart störender Zivilisation. Ansonsten dominiert das Gefühl einer freien Offenheit, eines positiv empfundenen Alleinseins, das nicht mit Einsamkeit zu verwechseln ist.
Und immer wieder der Blick des Künstlers auch durch die Enge der Dünen, über Steg und Pier hinaus in die Unendlichkeit des Meeres, ein Blick, der regelrecht den Kopf, die Sinne frei macht. Und wenn die Ebbe bisweilen Spuren im Sand zurücklässt, Spuren, die man durch aus als geheimnisvolle Kunstwerke betrachten könnte, wenn eine kecke Möwe fast kontemplativ ihr Revier beäugt - dann sind das oft kleine Anker der Orientierung, die verhindern mögen, dass sich der Betrachter gänzlich in einer fast kosmisch anmutenden Unendlichkeit verliert.
Was Wunder, dass diese Bilder keine Titel benötigen. Sie würden in der Tat den Zauber des Unbegrenzten nur einschränken und stören. Bevor Sie jetzt hurtig einen Flieger an die Nordsee buchen wollen, holen Sie sich doch das Meer einfach nach Hause: die Exponate sind problemlos käuflich zu erwerben!