Gertrud Schrenk
 

(...) Wer Gertrud Schrenk und ihr Tun kennenlernt, wird schnell bemerken, dass weder die Künstlerin noch ihre Produkte sich ohne Weiteres kategorisieren lassen.
Ihre Interessen, ihre Inhalte und Formen sind vielgestaltig. Wichtig ist ihr die Arbeit mit dem Computer. Vernetztes Denken und Abstraktion in naturwissenschaftlichem Sinn faszinieren sie und nehmen Einfluss auf das wie und was ihrer künstlerischen Formulierungen.
Ich fühle mich an Moholy-Nagys Satz, dass >Plastik ein Produkt des Geistes< sei, erinnert, wenn ich Gertrud Schrenk über den Assoziationscharakter des Denkens, das ja nur in den seltensten Fällen als linear bezeichnet werden kann, sprechen höre.
Es geht ihr um Komplexität, darum, dass alle Dinge irgendwie zusammenhängen, ineinander greifen und Einfluss nehmen, den man in seiner Wirkung kaum je völlig erfassen kann.
Und, wie es sich für gute Künstler - und nicht nur für sie - gehört, beschäftigt sie sich mit der Wahrnehmung. Sie verfolgt den in der Wahrnehmungsphilosophie wichtigen Gedanken, dass die Wahrnehmung nicht der Wirklichkeit folge, sondern der Simulation - und dann nicht einmal ihr, sondern der Simulation der Simulation usw.
Sie kann eindrucksvolle Beispiele aus der Werbung von Milka bis Lucky Strike benennen und setzt ihre Erfahrung wieder um - am Computer, dem idealen Simulationsmedium, und in andere Werkgruppen.
Gertrud Schrenk arbeitet gerne mit Symbolen - auch dies wohl eine Reminiszens an naturwissenschaftliche Interessen und die beinah zwangsläufige Beschäftigung mit dem Computer.
Symbole sind auf unterschiedlichen Ebenen wirksam und können als eine Art >Platzhalter< fungieren, dessen Ort zumächst vielleicht noch im Unbewussten liegt, fühlbar ist und sich doch erst in einem anderen als dem ursprünglichen Zusammenhang tiefer erschließt.
Das mag rätselhaft klingen, ist unter sensiblen Menschen aber ein durchaus bekanntes Phänomen. Genauso wie Empathie oder Einfühlung, die zunächst des Wortes nicht mächtig ist und erst im Laufe bestimmter Entwicklungen sich der allgemeinverbindlichen Sprache zu bedienen vermag.
Jede und jeder von uns kennt solche Beispiele, in denen Künstler Situationen formuliert haben, mit denen das Publikum sich erst lange Zeit später auseinander zu setzen in der Lage war.
In der Antike nahmen die >Seher< eine exponierte Stellung ein. Uns Heutigen fällt es schwer, ihre Botschaft wahrzunehmen. Von allen Seiten dringen Stimmen und Bilder auf uns ein.
Gertrud Schrenk orientiert sich in alle Richtungen. Neben der Beschäftigung mit zeitgenössischer Technik sind ihr auch Traditionen und Mythos und die menschlichen Wahrheiten - samt deren Schemata und Strukturen - ein Anliegen.

(...) Sie ist eine Sammlerin. Sie wählt Teile aus ihrem vielschichtigen Fundus, betrachtet sie, ergänzt sie durch ganz andere, wesensfremde Elemente, macht sich neue Bilder, spaltet diese wieder und setzt sie erneut anders zusammen.
Man mag das chaotisch finden. Spannend wird es überall dort, wo das Chaos Strukturen bildet, die Wege sind, für neue, weiterführende Fragen und Gedanken. In ihnen liegt eine Chance - für jeden von uns.

Britta E. Buhlmann



< D_K_M_N_M_M > - Paradís undir Jökli

Alles hätte so prächtig weitergehen können - damals im Paradies. Wäre da nicht eine neugierige Eva und ein Pantoffelheld namens Adam gewesen, denen wir unser Elend bis zum heutigen Tag zu verdanken haben.
Seitdem versuchen wir uns zu erinnern, wie es damals wohl gewesen ist - und dabei kam es zu den wunderlichsten, ja phantastischsten Vorstellungen.
Doch mittlerweile hat man das Paradies - vergleichbar mit der Utopie - längst aus dem politischen wie philosophischen Denken suspendiert. Bisweilen begegnet einem der Begriff noch als leckere Eis-Creme-Kreation oder bezeichnet traditionell eine Ferienanlage à la "Club méditerrané" - ein Indiz unserer fortschreitenden Bescheidenheit!
Trotz dieses unbezweifelbaren Aufklärungsfortschrittes wagen es Gertrud Schrenk und Mark Hofstetter, Ihnen ein "Paradís undir jökli" anzubieten, ein "Paradies unter Gletschern".

Doch klugerweise haben sie sich mit der Klausel < D_K_M_N_M_M > (das kann man nicht mehr machen) abgesichert. Möglicher Kritik ist damit von Vornherein der Boden entzogen und zeitgeistig-mainstreamerprobte Betrachterinnen und Betrachter dürfen sich unbeschwert ihrer ästhetischen Sensoren bedienen ...
Und in der Tat offenbart sich jetzt eine großartige isländische Landschaft, der Kant und Lyotard ohne zu zögern das Prädikat "erhaben" zugestanden hätten. Ehrfurchtseinflößende Felsformationen, eine ergreifende Reinheit und Unberührbarkeit charakterisieren diese einsam-glückliche Monumentalität.

"Zurück zur Natur" hätte Jean Jacques Rousseau zu Recht beim Anblick dieser Exponate gejubelt - und es schmerzt, feststellen zu müssen, daß selbst diese grandiose Umwelt - im Widerspruch zu manchem soziologischen Dogma - nicht nur Gutmenschen hervorgebracht hat.
Es ist diese faszinierende Doppelbödigkeit, dieses Changieren zwischen seriösem Erleben und ironischer Subversion, zwischen Wunsch und Inszenierung, das diese Ausstellung durchgehend auszeichnet.
Und sicherlich ist Ihr Interesse - rein ästhetisch und ohne voyeuristische Begehrlichkeit - immer wieder von den nackten Paaren gefesselt worden ...
Wieso auch nicht? Reiner, ursprünglicher, ja unschuldiger - im Sinne von paradiesischer Natürlichkeit - können Mensch und Landschaft kaum miteinander verschmelzen.

Gewiß, in einer sich überlagernden Invasion von Bildern mag mancher diese Szenen zuerst mit jener Werbung für fettarme Margarine assoziiert haben, deren Genuß längst "die Zigarette danach" ersetzt haben soll. Aber ich darf versichern, auch hinter dem nächsten Felsvorsprung suchen Sie vergebens nach einem Kühlschrank!

Wiederum so eine künstlerische List, deren sich Gertrud Schrenk und Mark Hofstetter bedienen, vor allem dann, wenn selbst der geschulte Betrachter eine Weile benötigt, um die nackten Püppchen von dem Original zu unterscheiden.
Und all das schöpft seinen vielschichtigen Reiz aus der wohl einzigartigen Kombination antiquierter und modernster Bildtechniken. Da finden sich Video-Projektionen, digitaler Kunstdruck von Photos auf Leinwand, Kleinbild-Kamera, Öllasur-Malerei und jene legendäre "Camera Obscura" zu selten-originalen Kompositionen zusammen

Und gerade diese Camera Obscura - der stets nur ein Loch im Gegensatz zu heutiger "Linsen-Akrobatik" genügte - schafft mit ihren verschwommenen Rändern und ihrer erholsamen nicht-analytischen Unschärfe einen Freiraum für Spekulation, ja sogar meditativer Verführung ...
Mögliche Botschaft: Nur ein verschwommenes Paradies ist ein gutes Paradies.
Dabei handelt es sich nicht um das letzte Wagnis, das dieses Künstlerpaar einzugehen bereit ist. Gemäß eines früheren Credos von Gertrud Schrenk - "Die Welt wird immerdar von Zier berückt" - begegnen Ihnen öfters unerwartet "ornamentale Bildpartien".

Noch vor etwa einem Jahrhundert - so um 1908, wenn ich nicht irre - verfaßte Adolf Loos seinen radikal-fundamentalistischen Aufsatz "Ornament ist Verbrechen". Vermutlich hätten Sie damals Gertrud Schrenk und Mark Hofstetter höchstens im Gefängnis antreffen können. Ein schlagendes wichtiges Argument unter anderem für Aufklärungs-Erfolge in kürzester Zeit ...

Kleine Fußnote:
Meines Erachtens sollte man nach dieser Präsentation ihr Credo < D_K_M_N_M_M > (das kann man nicht mehr machen) durch ein neues ersetzen: < U_O_M_D_M_K > (und ob man das machen kann)!

Dr. Matthias Brück